Marie Fenske: Kontiki & Casablanca – das Schaf im Storchennest

Was, wenn man irgendwo zuhause ist und doch nicht richtig dorthin hingehört? Was, wenn alle anderen sich ähnlich sind, man selbst aber ganz anders ist? Und man einfach nicht versteht, warum. So geht es Casablanca, einem kleinen Lamm, das von Storcheneltern aufgezogen wird.

Eine Schafsfrau bekommt Zwillinge und eines davon kullert ihr des nächtens davon. Und wird von Vater Adebar gefunden. Er hält das weiße runde Knäuel für ein aus dem Nest gefallenes Junges und bringt es seiner Frau, die das Lamm auch sofort unter ihre Fittiche nimmt. Sie nennt es Casablanca. Die Storchendame vermutet nämlich, in Afrika etwas Falsches gegessen zu haben – denn dieses Kind ist so anders. Die Eltern sind verunsichert und sie rufen den Storchenrat an. Nach langen Beratungen kommt es zu folgender Entscheidung:

„Dieses Kind ist anders als wir und deshalb ist es wichtig. Es soll das Futter bekommen, das es gerne hat. Wir wollen versuchen, seine Sprache zu verstehen. Dann lernt es sicher auch unsere. Und bestimmt wird eine besondere Persönlichkeit aus ihm – es sieht ganz danach aus.“

Doch spätestens als die anderen Storchenkinder flügge werden, merkt Casablanca, dass er nicht glücklich ist. Kontiki, ein Kobold, wird ihm ein guter Freund und er hilft ihm, seinen Platz im Leben zu finden.

Dieses Kinderbuch ist einfach rundweg wunderschön. Die Geschichte vom Findelkind, vom Kind, das anders ist, ist einfühlsam erzählt und sprachlich äußerst ansprechend umgesetzt. Die Bilder dazu stammen von der Autorin selbst und sind so weich gezeichnet, dass man sie stundenlang betrachten könnte. Ein I-Tüpfelchen ist die von Meike Range hinzugefügte Landkarte, die zeigt, wo genau die Geschichte gerade spielt….

Maria Fenske lebt heute in der Nähe von Düsseldorf. Sie „malt, seit sie 1954 geboren wurde, und Geschichten erzählt sie, seit sie sprechen kann.“ (Aussage ihrer Mutter). Ihr liegen nach eigener Aussage vor allem die Kinder am Herzen, die aus dem Nest gefallen sind, die kein Nest mehr haben oder zu weit davon entfernt sind.

„Kontiki & Casablanca“ eignet sich übrigens auch sehr gut als Gesprächsgrundlage für Themen wie Adoption oder auch Behinderung.
4.7 Stars (4,7 / 5)

Michael Noonan: The December Boys

Zur Zeit kann man im Kino den Film „December Boys“ und damit Daniel Radcliffe als Muggel sehen. Wen das weniger interessiert, der kann auf das Buch zurückgreifen, das ebenfalls gerade erst erschienen ist.

Die Geschichte spielt in den Dreißigerjahren irgendwo im von der Weltwirtschaftskrise gebeutelten Australien. Fünf Jungs, alle Waisen, dürfen das erste Mal in ihrem Leben raus aus dem Kloster, in dem sie aufwachsen und rein in die echte Welt. Sie fahren – gesponsort durch eine Gönnerin – ans Meer. Sie fühlen sich frei und unbändig stark – bis zu dem Moment, in dem sie erfahren, dass einer von ihnen adoptiert werden soll und zwar auch noch von genau den Menschen, die sie am meisten bewundern: Theresa und ihrem Mann, den alle nur den „Furchtlosen“ nennen. Beide sind relativ jung, cool und der Inbegriff dessen, was die Jungs sich als Heimat wünschen würden. Ein harter Wettstreit um die Gunst der vermeintlichen Adoptiveltern beginnt…

„The December Boys“ ist ein Jugendroman, der sehr einfühlsam den Kampf um Anerkennung darstellt. Die verschiedenen Personenkonstellationen führen zu immer neuen Sichtweisen des Problems, in dem sich die fünf Jungs befinden. Ihr unausgesprochenes Bitten um Zuneigung, ihr Drang, endlich „normal“ zu sein und wie andere zu leben, zeigt sich deutlich in ihrem Gegeneinander aber auch in ihrem Miteinander während der Entscheidungsphase.

Die eingebauten Hinweise auf die Einsamkeit dieser jungen Menschen sind sehr ausgeprägt. Die Sprache, die der Autor wählt, ist teilweise etwas spröde. Das Buch liest sich dadurch nicht immer ganz flüssig.
2.4 Stars (2,4 / 5)

Heike Gätjen: Will will’s wissen – Die Frage nach dem Tod

Was Willi Weitzel überhaupt nicht leiden kann, sind Kerne im Kirschkuchen. Aber ansonsten scheint er tatsächlich alles zu mögen und sich für alles zu interessieren. Seine Sendung „Willi wills wissen“ sehen nicht nur die Kinder gerne, sondern auch die Erwachsenen. Und es kann wohl kaum einer behaupten, dass er dabei nicht doch noch das eine oder andere dazulernen würde. Herrn Weitzels neuestes Buchthema „Wie ist das mit dem Tod?“ ist zwar kein amüsantes, aber ein sehr interessantes.

Irgendwann kommt sie, die Frage nach dem Tod, nach dem wie, nach dem warum, nach dem danach. Und dann ist es gut, wenn man weiß, wie man an das „Wir sprechen da eigentlich nicht drüber“-Thema herangehen kann. Ganz natürlich nämlich. Ohne Tamtam und doch mit dem gewohnten Augenzwinkern nimmt sich Willi der Sache an. Er unterhält sich mit Menschen, die mit dem Tod arbeiten und leben, er geht der Frage nach, wie man in verschiedenen Kulturen mit der Endgültigkeit umgeht, warum eine Beerdigung wichtig und auch manchmal lustig ist und er versucht zu erklären, wie sich Trauer anfühlt.

Für Kinder unter acht Jahren ist das Buch noch nicht geeignet, für Eltern von Kindern unter acht Jahren allerdings schon. Man kann sich Anregungen holen und die erhaltenen Informationen für kleinere Kinder altersgemäß darstellen.
4.8 Stars (4,8 / 5)

Inda Uruburu/Helen Schneider: Maximilian Schnecks wunderbarer Regentag

Nichts ist ätzender als tagelanger Regen. Der kann einem ja wirklich alles vermiesen. Die lang geplante Party absaufen lassen, das romantische Picknick überfluten und die warmen Abende draußen, auf die man sich im Winter so gefreut hat, aus denen wird auch nichts.
So ähnlich geht’s auch Danny. Er kann Regentage nicht ausstehen. Auf der Veranda sitzen und zuschauen zu müssen, wie es stetig runterplätschert, findet er sooo langweilig. Dabei wollte er doch eigentlich auf die Kirchweih. Karussell fahren und auf der Wasserrutsche heruntersausen.

Doch es ist immer eine Frage der Perspektive.

Die kleine Schnecke Maximilian Schneck nämlich, in deren Haut Danny auf keinen Fall stecken möchte, findet Regentage toll. Denn dann schafft auch er es endlich einmal, die ganze Straße zu überqueren. Dabei helfen ihm die anderen Tiere, und im Gegensatz zu Danny und seinen Schwestern hat Herr Schneck an diesem Tag eine ganze Menge Spaß. Und für morgen, da wünscht er sich wieder einen so schönen Regentag. Im Gegensatz zu den Kindern.

Da sieht man mal, wie schwer es Petrus hat….

„Maximilian Schnecks wunderbarer Regentag“ hat mir sehr gut gefallen. Weil es so schön beide Seiten beleuchtet, weil es zeigt, dass es immer eine andere Sichtweise gibt. Und weil es niedlich geschrieben und gezeichnet ist. Die kleine Schnecke ist sympathisch. Es macht Spaß, sie dabei zu beobachten, wie sie genau die Dinge erlebt, auf die Danny wetterbedingt verzichten muss. Von der Katzenpfote gekreiselt, von der Schwalbe hochgehoben, von der Schlange ein Stückchen mitgezogen. Maximilian Schneck hat seinen Spaß und der Tag, an dem die Sonne wieder scheint, der kommt ja bestimmt….

Dieses Buch hat Helen Schneider, die gerade erst ihr neues Album „Like a Woman“ herausgebracht hat, gemeinsam mit ihrer besten Freundin und Songschreiberin Linda Uruburu geschrieben. Illustriert hat es Lilli Messina, die man bereits von anderen Bilderbüchern kennt. Und weil es soviel Spaß gemacht hat, haben die Drei nicht nur ein, sondern gleich zwei Bücher veröffentlicht. In den Tiergeschichten sind wieder Danny, Amanda und Nicole die menschlichen Hauptpersonen.
3.5 Stars (3,5 / 5)