Martin Muser: Kannawoniwasein – Manchmal muss man einfach verduften

Kannawoniwasein! Da fährt man das erste Mal allein mit dem Zug und dann sowas: Finn wird beklaut. Und als ob das nicht schon genug wäre, landet Finn ohne seine Fahrkarte irgendwo im Nirgendwo. Könnte schlimm sein, ist es aber nicht, denn nur so lernt der Junge Jola kennen. Die coole Jola, die sich nichts gefallen lässt und weiß, wo’s langgeht. Im übertragenen wie im wahrsten Sinne des Wortes. Und diese Reise zurück in die City beinhaltet einiges an Aufregung. Und wie das so ist in solchen Situationen: Das schweißt zusammen.

Dieses vertonte Buch galt als das Überraschungsbuch des Jahres 2018 und ist genau das Richtige für Fans von Emil & die Detektive oder Rico & Oskar. Stefan Kaminski als Sprecher holt dann noch den letzten Rest raus und macht das Hörbuch zu einem echten Highlight.

Daniel Glattauer: Vier Stern Stunden

Eines gleich vorweg: Ein typischer Glattauer ist dieses (Hör-)Buch nicht. Schlecht ist es aber auch nicht.

Bei den Kulturtagen im Hotel Reichenshoffer ist die Unlust dem Romanautor Frederic Trömerbusch, der hier interviewt werden soll, direkt ins Gesicht geschrieben. Und dabei ist es dem in die Jahre gekommenen Herrn auch ziemlich egal, dass die ihm gegenübersitzende Journalistin Mariella Brem eigentlich ein großer Fan von ihm ist und sich diese eine Begegnung doch so ganz anders ausgemalt hatte. Trömerbusch will zurück ins Hotelzimmer zu seiner jungen Geliebten, die ihn, den Autor mit der Schreibblockade, wieder auf junge, frische, erfrischende Pfade führen soll. Doch dazu hat diese, eine Bloggerin, überhaupt keine Lust. Und mischt die Veranstaltung lieber ein bisschen auf.

Das Stück, das in einem etwas abgehalfterten Vier-Sterne-Hotel spielt, ist kurzweilig, die 90 Minuten vergehen wie im Flug, einzig der Sprecher des Hotelerben überzeugt ganz und gar nicht. Kritisieren könnte man auch, dass Glattauer die sonst so fein geschliffenen Wendungen des Lebens, die er normalerweise spitz und pointiert zur Sprache bringt, hier eher nicht zur Geltung kommen lässt. Stattdessen entstand ein Stück, das an persönlicher Tragik, genau weil ebendiese Tragik fehlt, nichts zu wünschen übrig lässt.

Andrea Ulmer: Solange wir uns haben

Eigentlich hat sie ihr Leben im Griff. Jessica ist 42 Jahre alt, alleinerziehende Mama einer pubertierenden Tochter und hat einen Job in einer Agentur. Nicht einfach, ist aber machbar. Bis sie plötzlich von Panikattacken heimgesucht wird. Nicht mehr Auto fahren kann, jede Kleinigkeit ihr schon zu viel wird und sie sich nur noch im Haus verschanzt. Zuerst nervt es ihre Tochter nur, aber Stück für Stück wird es zum Problem und Jessica ist gezwungen, sich helfen zu lassen. Loslassen und anderen die Führung überlassen – das ist die Aufgabe der Protagonistin in ihrem Buch. Um dann wieder zu sich zu finden und neue Wege einzuschlagen.

Ganz ehrlich nervt es manchmal, dass in fast jedem Roman, der eher für Frauen als für Männer ausgelegt ist, mindestens eine, meistens sogar die Hauptperson in einer Agentur arbeitet, irgendwas mit Medien oder Werbung macht. Hier allerdings macht es Sinn, denn wenige Berufe brennen so aus wie diese, in wenigen Branchen herrscht so wenig Verständnis für andere Lebensmodelle als jung, cool und selbstbestimmt. Der Roman spricht ein Thema an, das immer häufiger wird. Eigentlich sogar zwei. Oder drei. Alleinerziehende, Angststörungen und die Tatsache, dass immer mehr Mütter in den Wechseljahren auf Töchter in der Pubertät treffen.

Alles in allem ein Roman, der leicht zu lesen ist und trotzdem zu denken gibt. Der an manchen Stellen ein wenig überzogen wirkt und an anderen etwas mehr „Wumms“ durchaus vertragen hätte. Vor allem aber einer, der in einem völlig falschen Kleid daherkommt. Das Cover passt leider überhaupt nicht. Weder zum Thema noch zur Geschichte.

lonely planet kids: Die spannendsten Städte der Welt

Wer gerne reist, kennt „lonely planet“ – die weltbesten Reiseführer aus Australien. Daher wird man gleich hellhörig beim Titel dieses Kinderbuchs über die wichtigsten Städte dieses Planeten. Man startet die Weltreise in Toronto mit seinen unterirdischen Gängen, reist weiter über Philadelphia und über Ushuaia in Argentinien nach Moskau und Berlin, um ganz zum Schluss in South Tarawa in Australien zu landen. Um dort etwas anderes zu essen als Fisch und Kokosnuss, muss man schon aufs nächste Flugzeug warten und wenn man zur Schule will, dann könnte man theoretisch hinschwimmen – wenn da nicht die Haie wären.

Dieses wunderschöne und informative Buch ist reich bebildert und mit zahlreichen kurzen, aber dafür umso interessanter ausgewählten Texten versehen. Es ist genau das Richtige, um allein oder mit einem Elternteil zwischendrin sich mal ein paar Minuten zu nehmen und zu stöbern. Wo würde man gerne hin, was findet man selbst am schönsten? Hier finden auch Erwachsene eine ganze Menge Neues und Fakten, die sie noch nicht kannten. Anlass für Gespräche gibt es genug – und so soll ein Kinderbuch sein! Anregend, spannend, informativ und trotzdem leicht zu lesen.

Robert Munsch/Marta Holzhausen: Ich lieb‘ dich für immer

Dieses Bilderbuch sollten sich Eltern zuerst alleine ansehen und dann entscheiden, ob ihr Kind in der Lage ist, es zu verkraften. Denn es thematisiert das Leben an sich. Kommen und Gehen, aber auch Vergehen. Anhand der Beziehung eines Sohnes zu seiner Mutter. Die ihm von klein auf versichert, wie lieb sie ihn hat. Doch „Ich lieb dich für immer“ – ist ein Versprechen, das schwer zu halten ist … auf der einen Seite. Auf der anderen Seite wird Mutterliebe gesät und oft erst sehr viel später im Leben geerntet.

Das Buch ist schön gemacht, die Zeichnungen ansprechend, aber man sollte stabil sein, auch als Erwachsener. Sonst können einem schon mal die Tränen in die Augen schießen.

Hans Hopf: Kinderträume verstehen

Wir alle verarbeiten in unseren nächtlichen Träumen, das, was wir erlebt haben bzw. was uns beschäftigt. Doch wir Erwachsenen erleben in der Regel lang nicht so viel wie unsere Kinder – die sich täglich mit einer Menge Neuem auseinandersetzen müssen. Was sich auch in ihren Träumen zeigt. Die Erzählungen am Morgen sind meistens spannend – und so manches Mal zeigen sich auch ängstliche Aspekte. Dieses Buch zielt darauf ab, Eltern, Erziehern und Lehrern Traumbilder zu erklären und Deutungen nahezubringen – psychologische Vorkenntnisse sind dafür eigentlich nicht notwendig. Der Kinder- und Jugendtherapeut Hans Hopf hat zahlreiche Beispiele gewählt und interpretiert diese. Er zeigt altersbedingte Gemeinsamkeiten genauso auf wie ganz typische Muster bei Problemen. Und fasst zum Schluss einfach verständlich zusammen, was die Wissenschaft über die Träume von Kindern und Jugendlichen weiß. Auch Fachbegriffe werden noch einmal gut verständlich erklärt.

Ein Buch, das sich nicht nur für Laien, sondern auch als Hintergrundwissen für Fachleute eignet. Wobei es durchaus vorkommen kann, dass diesen das Buch zumindest in Auszügen sehr bekannt vorkommt. Es gab schon einmal eine Ausgabe in den Neunzigern – allerdings mit einem fürchterlichen Cover.

Val Emmich: Die Unvergesslichen

Menschen wie die zehnjährige Joan gibt es nur ganz selten auf der Welt: Das junge Mädchen hat das perfekte Gedächtnis. Sie erinnert sich an jedes noch so kleine Detail. Was zunächst klingt wie ein Segen, ist bisweilen ein ziemlicher Fluch. Denn normale Menschen können das nicht und das frustriert Joan.

Bis sich ein Freund ihrer Eltern komplett auf ihre Erinnerungen einlässt. Gavin, ein bekannter Songwriter, hat gerade erst seinen Partner Sydney verloren und damit seinen ganzen Lebensmut. Und die Musik. Joan hilft ihm, seine Erinnerungen zu sortieren und zu ergänzen und bitte ihn dafür nur um eines: den perfekten Song zu schreiben. Einen, der auch für all die, die nicht über so ein Gedächtnis wie sie verfügen, unvergesslich bleibt.

Es ist nicht ganz einfach, in dieses Buch zu kommen. Wirklich Sympathie für seine Darsteller zu empfinden. Für Joan, die ihrer Umwelt und damit auch dem Leser bisweilen mit ihren Macken ziemlich auf den Geist geht, für die Eltern, die scheinbar so gefühllos mit Joan umgehen, für den trauernden Gavin, der sich komplett hängenlässt und Sydney, der, wie es scheint, alles andere als treu war … doch dann wendet sich das Blatt und man kann das Buch nicht mehr aus der Hand legen.

Kurzmitteilung

Eva Mattes wird mit dem Sonderpreis des Deutschen Hörbuchpreises 2018 ausgezeichnet. Sie folgt als vierte Sonderpreisträgerin auf Christian Brückner, Katharina Thalbach sowie die „Drei ???“ (Andreas Fröhlich, Jens Wawrczeck und Oliver Rohrbeck) und wird den Preis am 6. März 2018 im WDR Funkhaus in Köln entgegennehmen.

Mathe – kein Problem!

Mathe ist ein Fach, das einem entweder liegt oder eben nicht. Aber auch, wenn es nicht zu den Schulfachfavoriten gehört, so ist es doch etwas, was man sich mit relativ wenig Lernaufwand erschließen kann – zumindest mit dem richtigen Lehrer oder eben der richtigen Anleitung. Dieses Buch sieht auf den ersten Blick für Mathe-Nicht-Liebhaber eher bedrohlich aus. Es ist sehr groß und schwer, aber: Das liegt vor allem daran, dass es sehr übersichtlich und bunt gestaltet ist. Der Inhalt ist so verteilt, dass er einen nicht sofort erschlägt, sondern mit seinen vielen Bildern und Auflockerungen kombiniert mit wenig Text pro Seite eher sogar ein bisschen neugierig macht. Zu jedem Thema von der ersten bis zur sechsten Klasse findet man hier Erklärungen, Aufgaben und Lösungen. Ganz gezielt kann man dank eines strukturieren Inhaltsverzeichnisses nachschlagen, wenn man etwas nicht verstanden hat – auch Eltern, die sich nicht mehr ganz sicher sind, wie das nochmal gerechnet wird oder die nicht wissen, auf welche Art man heute mit dieser oder jener Aufgabe umgeht, profitieren von einem Werk wie diesem und können auf diese Weise bestimmt so manchen Hausaufgabenstreit vermeiden.
4.0 Stars (4,0 / 5)

Mandy Hubbard: Wie ich in High Heels durch die Zeit stolperte


Man tut sich schon etwas schwer, seine Vorurteile im Zaum zu halten, wenn man dieses Buch von außen betrachtet: Der Name der Autorin, die Aufmachung, das ganze Ganze lässt einen ein bisschen daran zweifeln, ob hier wirklich lesenswerte Literatur dahintersteckt: Aber, es ist nicht schlecht, diese typische Mädchenbuch. Die Geschichte dreht sich um Callie, die sich ihre Klassenfahrt nach London ein wenig anders vorgestellt hat. Dass sie zusätzlich eine „kleine“ Zeitreise ins 19. Jahrhundert unternehmen würde, das hätte sie sich niemals träumen lassen. Aber sie hat Glück und wird verwechselt. Und daher herzlich aufgenommen im Herrenhaus zu Harksbury. Dessen Hausherr ihr durchaus gefällt. Er ist arrogant, aber ziemlich gutaussehend. Die Verwirrungen um das Mädchen aus dem 20. Jahrhundert lassen nicht lange auf sich warten.
Muss man nicht gelesen haben. Klar. Aber es ist ein netter Zeitvertreib. Nichts tiefgehendes. Aber zwischen Shakespeare und Sartre kann man es schon mal einschieben, wenn man 15 ist – zur Entspannung.
3.4 Stars (3,4 / 5)