Nicolas Barreau: Die Liebesbriefe von Montmartre – gelesen von Steffen Groth

33 ist Hélène erst, als sie stirbt. Und sie hinterlässt nicht nur einen kleinen Sohn, sondern auch einen todtraurigen Mann. Julien Azoulay ist Schriftsteller, leidet seit dem Tod seiner Frau unter einer Schreibblockade und versteht nicht, was sie von ihm wollte, als sie ihm das Versprechen abnahm, nach ihrem Tod 33 Briefe zu schreiben – für jedes ihrer Lebensjahre einen. Trotzdem tut er, was sie sich gewünscht hat. Er lässt ein Geheimfach in ihren Grabstein einbauen und hinterlässt dort die versprochenen Briefe, in denen er frei und offen von seinem Leben ohne sie berichtet, oder besser klagt.
Doch plötzlich verändert sich etwas. Er erhält Antwort, kleine Gesten und fast schon glaubt er, Hélène antworte ihm aus dem Jenseits …

Die Geschichte spielt zu großen Teilen auf dem Friedhof am Montmartre. Und wer schon einmal einen der alten Pariser Friedhöfe besucht hat, weiß, welches Flair dort herrscht. Nicolas Barreau ist ein Meister darin, diese Stimmung einzufangen und Steffen Groth ist ein Meister darin, Sie dem geneigten Hörpublikum näherzubringen. 450 Minuten, die von der ersten bis zu letzten Minute spannend, schön, romantisch und einfach rührend sind.

Lauren Oliver: Wenn du stirbst, zieht dein ganzes Leben an dir vorbei, sagen sie

Wohl jeder von uns hat sich schon mal überlegt, was er tun würde, wenn er wüsste, dass dies sein letzter Tag ist. Samantha Kingston bekommt diese Chance vom Schicksal, es dauert allerdings eine Weile, bis sie bemerkt, dass es eine Chance und keine Strafe ist.
Der 12. Februar sollte eigentlich ein oberflächlicher Tag wie jeder andere sein. Mit ihren Freundinnen, mit Schuleschwänzen, rumknutschen und Partymachen. Doch dann stirbt das Mädchen bei einem Autounfall und siebenmal hintereinander ist alles anders und doch gleich. Stück für Stück versteht das It-Girl, was wirklich wichtig im Leben ist …

Ein heftiges Thema, fast schon eine Gesellschaftskritik und von „Täglich grüßt das Murmeltier“ weit entfernt, perfekt umgesetzt von Anna Thalbach als Sprecherin. Die Zielgruppe liegt bei jugendlichen Mädchen, aber auch für Erwachsene ist die Thematik durchaus ein interessanter Denkanstoß.

Die Charité: Hoffnung und Schicksal

Diese ungekürzte Lesung auf mehreren mp3-CDs ist keinen Moment langweilig. Die Geschichte spielt in Berlin in den 1830ern. Hauptspielort ist die Charité – das Krankenhaus, das auch heute noch Geschichte schreibt. Der Kampf der Ärzte gegen die Cholera, Kindbettfieber, Pflegerinnen, die ihren Job mit dem in einer Strafanstalt verwechseln und gesellschaftliche Zwänge, die Frauen dazu zwingen, an Heim und Herd zu bleiben – wenn sie es sich leisten können – all diese Themen kommen nicht zu kurz.

Die eigentlichen Hauptpersonen aber sind die Frauen: Gräfin Ludovica, gebunden in unglücklicher Ehe und eigentlich schwer verliebt in den Arzt ihres Mannes, Martha, die Hebamme, die ihren kleinen behinderten Sohn durchbringen muss und Schwester Elisabeth, die in die Gemeinschaft eines Pfarrers flüchtet, um als Diakonisse ein Zuhause zu haben und besser pflegen zu können. Und in der doch eigentlich ein ganz anderes Potenzial steckt.

Die Leben dieser Frauen sind durch ein oder besser mehrere unsichtbare Bänder verbunden. Und es gelingt der Autorin und vor allem auch der Sprecherin Beate Rysopp, einen in die Schicksale regelrecht hineinzuziehen. Mitzuleiden. Mitzuhoffen.
Besonders interessant sind auch die Einblicke in die Tiefen der Medizin im 19. Jahrhundert. Über Behandlung ohne Schmerzmittel, das Austreiben von Geschlechtskrankheiten mithilfe von Quecksilber oder die ersten Erfolge bei Augenoperationen.

Nicole Jäger – Nicht direkt perfekt

Warum ziehen wir Frauen beim Sex den Bauch ein? Vor allem, wenn wir über 100 kg wiegen, wo es doch eh nichts mehr bringt? Warum mögen nicht alle Männer dicke Frauen und manche aber lieber als die dünnen? Welche Rolle spielt in unserem Leben eigentlich die Zahl auf der Waage und wie beeinflusst sie unser Sexualleben?

Diese wenig spannenden Fragen stehen sieben Stunden lang mehr oder weniger im Mittelpunkt eines fast schon selbstgefälligen Dauergejammers. Anders kann man es leider kaum sagen. Nicole Jäger möchte wirken, wie eine Frau, die über den Dingen und über ihren Pfunden steht, vermittelt aber zehnmal mehr den Eindruck, darunter ziemlich zu leiden und das überspielen zu wollen – mit einer Portion Selbstbewusstsein, die einem bisweilen das Gefühl gibt, man müsste sich ein bisschen fremdschämen.

Dabei ist die Frau, die mal 340 Kilo gewogen hat und bereits 200 runter hat, eigentlich ganz witzig, zumindest in ihren Shows. Aber das ist vielleicht das hübsche Gesamtpaket, das auf einer CD einfach nicht wirken kann. Daumen runter für „Die nackte Wahrheit übers Frausein“ – selbst wenn ihr Buchdebüt „Die Fettlöserin“ mit 100.000 verkauften Exemplaren ein Spiegel-Bestseller war.

Peter Wohlleben: Gebrauchsanweisung für den Wald

Der Wald ist das Thema schlechthin zur Zeit. Und war es irgendwie schon immer: Der Deutsche und sein Wald. In dieses Horn hat schon Goethe geblasen. Da passt die Gebrauchsanweisung für den Wald, geschrieben von einem passionierten Waldliebhaber und gelesen von Stephan Schad, genau zum Trend. Allerdings geht der leidenschaftliche Förster nicht esoterisch an die Sache – auch, wenn es einem beim Thema Gruppenkuscheln in der Natur schon mal in den Sinn kommen könnte – sondern ganz praktisch: Er gibt sein Wissen weiter über die Waldbewohner – tierisch und planzlich. Man erfährt viel über die heimischen Bäume, darüber, wie der Wald in Zukunft aussehen wird, was man dort erleben kann, ob es eine Jahreszeit gibt, in der er am schönsten ist und warum man im Winter eigentlich durch Klopapier läuft, wenn man einen Spaziergang durch den Wald macht. Man weiß nach dieser CD, warum man Buchen bei Gewitter lieber nicht suchen sollte und dass es Bäume gibt, die ein bisschen zickig, aber trotzdem liebenswert sind. Nicht jeder erfährt hier etwas wirklich Neues (Je größer das Tier, desto seltener kann man es sehen) über eines der letzten fast noch intakten Ökosysteme – aber interessant ist es trotzdem, wenn sich der Jagd- und Monokulturgegner Wohlleben über die vermeintlichen Hüter des Waldes auslässt und darüber, welches Holz sich für was wirklich eignet. Man nennt ihn den Baumflüsterer – ob er das ist, können wir nicht beurteilen, aber irgendeinen Nerv muss er getroffen haben, der Herr Wohlleben, wenn er mit seinen Büchern solchen Erfolg hat. („Das geheime Leben der Bäume“ -über 700.000 verkaufte Exemplare und „Das Seelenleben der Tiere“ – über 250.000 verkaufte verkaufte Exemplare).
Peter Wohlleben ist 1964 geboren und es war schon immer sein Trau, ein Naturschützer zu werden. Wohlleben hat Forstwirtschaft studiert und es zum Beruf gemacht, andere in Seminaren, Führungen und eben Büchern in seine Passion einzuführen. Um den Gedanken des Waldschutzes und der Nachhaltigkeit im Wald weiterzuverbreiten, hat der Autor eine Waldakademie gegründet. Also doch ein Baumflüsterer?
4.0 Stars (4,0 / 5)

Sophie Kendrick: Das Gesicht meines Mörders

Clara wurde bei einem Einbruch niedergeschlagen, fiel ins Koma und hatte eine Amnesie, als sie wieder aufgewacht ist, erkennt nicht einmal mehr ihre eigenen Mann. Soweit, so logisch. Aber irgendwie hat die junge Frau das Gefühl, dass hier irgendetwas komisch ist. Vor allem die Tatsache, dass sie keinen einzigen Freund, keine Freundin auf der Welt hat, scheint ihr seltsam. Ihr bleibt nur Roland, ihr Mann und sie versucht, sich auf das Neue, bekannte Unbekannte einzulassen. Doch dann kommt es zu einem Mordanschlag – und nur ein Erinnern kann das Überleben sichern.
In dieser Geschichte gibt es nicht nur eine Wende, sondern gleich mehrere. Immer, wenn man glaubt, man hätte eine Ahnung, wer der Mörder sein könnte, wird man wieder hinters Licht geführt. Die Autorin, die bisher nur für andere geschrieben hat, versteht etwas vom Schreiben, das spürt man sofort. Und Beate Rysopp versteht etwas vom Erzählen. Ein Hörbuch, das mit ca. neun Stunden lang, aber keine Sekunde langweilig ist.
4.5 Stars (4,5 / 5)

Eierlikörtage: Das geheime Tagebuch des Hendrik Groen, 83 1/4 Jahre

Eins mal vorweg: Das ist eines der besten Hörbücher seit Langem. Und das ist wirklich ein Buch, das man hören sollte. Denn die Art und Weise, wie von Felix von Manteuffel den grummeligen Hendrik verkörpert, ist einfach unbeschreiblich.

Eigentlich passiert ja gar nichts Spektakuläres, was fast schon wieder das Geniale daran ist. Was soll auch schon groß passieren in einem Altenheim der Mittelklasse. Hendrik beschließt trotzdem ein Jahr lang Tagebuch zu schreiben und dabei darauf zu hoffen, dass er den nächsten Frühling noch erlebt. Umso mehr erstaunt es ihn, dass er nicht nur diesen, sondern auch noch seinen persönlichen zweiten oder dritten Frühling erleben darf. Sein bester Freund, eine coole Socke, wie man sie definitiv selbst gern zum Freund hätte, vor allem in dem Alter, dessen Hund und Hendrik sind an sich schon ein gutes Gespann. Aber als noch ein paar andere dazukommen, die keine Lust auf grässliche Kekse haben, die sie in Tee tunken sollen, wird der Club Alanito gegründet: Alt, aber nicht tot. Jedes Gruppenmitglied – und die Aufnahmekriterien sind streng – muss sich ein Event ausdenken, das alle ein wenig aus ihrem Heimalltag reißt.

Dieses Buch hat alles. Es ist lustig, traurig, macht nachdenklich, tröstet und lässt einen fürchten – der 83-jährige nimmt einen mit auf eine Reise in die eigene Zukunft. Der Autor selbst sagt über sein Buch: „Kein Satz ist eine Lüge, aber nicht jedes Wort ist wahr“. Was wohl schon damit anfängt, dass er weder Hendrik Groen heißt, sondern Peter de Smet. Und uralt ist er auch nicht. Trotzdem: Die bereits in den Niederlanden erschienene Fortsetzung wird hierzulande mit Spannung erwartet. Zeigt uns Hendrik doch, dass man im Leben nicht alles hinnehmen sollte und schon gar nicht das Leben selbst. Annehmen sollte man es. Mit allem, was es zu bieten hat.
5.0 Stars (5,0 / 5)

Kurt Tucholsky: Schloss Gripsholm

1931 wurde diese Geschichte zum ersten Mal veröffentlicht und hat bis heute nicht im Geringsten an Charme verloren: Schloss Gripsholm ist eines von Tucholskys bekanntesten und besten Werken.

Beginnend mit einem Schriftwechsel zwischen Tucholsky und seinem Verleger, Ernst Rowohlt, in dem dieser seinen Autor bittet, einmal etwas Leichtes, Heiteres zu schreiben. Etwas mit Liebe und so. Das verspricht dieser, sich durch den Kopf gehen zu lassen und fährt erst einmal für drei Wochen mit seiner äußerst originellen „Prinzessin“ in die Sommerfrische auf Schloss Gripsholm. Um dort, gemeinsam mit Freunden, ein kleines Mädchen vor einer sadistisch veranlagten Heimleiterin zu retten. Eingebettet ist das Ganze in eine für die Zeit äußerst gewagte Liaison à trois und zahlreiche hintergründige Gespräche.

Kurt Tucholsky gehört zu den wichtigsten Autoren der Weimarer Republik. Aber nicht nur das, er war auch ein Herzblutjournalist und Gesellschaftskritiker. Und dass Uwe Friedrichsen ihm seine Stimme für diese Aufnahmen lieh, hätte ihn sicher mit Stolz erfüllt. Denn einen besseren Sprecher für seine süffisanten Worte und Wortspielchen hätte Tucholsky nicht finden können. Es gelingt ihm scheinbar problemlos, von einem Dialekt in den anderen zu wechseln, Emotionen zu verkörpern und im nächsten Moment wieder in den ruhigen Erzähl-Rhythmus zu wechseln. (Ungekürzte Lesung auf 4 CDs)
4.8 Stars (4,8 / 5)

Guillaume Musso: Vierundzwanzig Stunden

Nicht umsonst ist der ehemalige Gymnasiallehrer Musso immer wieder auf den ersten Plätzen der französischen Bestsellerlisten (und nicht nur dieser) zu finden. Seine Figuren sind extrem durchdacht, haben in der Regel einiges durchgemacht und sind echte Charakterköpfe. Nie perfekt, dafür umso liebenswerter. So wie Arthur Costello. Er kommt einem Familiengeheimnis auf die Spur und reist auf den Spuren seiner Vorfahren durch die Zeiten. Für ihn vergehen nur Tage, für seine Umwelt sind es Jahre – und alles, was er sich aufbaut, wird zum Ende hin verschwinden, das prophezeit ihm sein Großvater, von ihm in einer spektakulären Aktion aus der Psychiatrie befreit und sein einziger wirklicher Verbündeter – egal, welche Worte man wählt, man würde diesem Buch nicht gerecht. Zum einen, weil man zu viel verraten würde und damit das Konstrukt Mussos zerstören würde, zum anderen, weil die Geschichte so komplex ist, dass man sie keinesfalls in wenige Zeilen fassen kann.

Das Buch ist ein typischer Musso, ein Spiel mit den Zeiten, den Realitäten einzelner Persönlichkeiten, ein bisschen Liebesroman, ein bisschen Thriller und ein völlig überraschendes Ende. Und das ist das wirklich einzige Manko dieses Buches, das Ende kommt viel zu überraschend, viel zu schnell und lässt dem Leser keinen Atemzug – genial auf der einen Seite, ein bisschen zu heftig auf der anderen. Beim Buch mag das noch gehen, blättert man eben zurück, liest noch mal nach. Beim Hörbuch, das übrigens von Richard Barenberg sehr gut vertont ist, wird es da schon schwieriger. Am besten, man beginnt gleich wieder bei Track eins.
Doch trotz aller schlussendlichen Verwirrung hat dieses (Hör)Buch die Note eins verdient. Mit Stern.
5.0 Stars (5,0 / 5)

Lorenzo Marone: Der erste Tag vom Rest meines Lebens

Cesare ist Witwer, die Beziehung zu seiner Tochter etwas unterkühlt, gleiches gilt für seinen schwulen Sohn. Gefühle zu zeigen wäre sowieso undenkbar – denkt er. Doch dann kommt es anders für den alten Mann.

Man kann einfach nicht anders, man muss ihn mögen, diesen schrulligen, zynischen, motzigen alten Kerl, der mit seinen paarundsiebizg Jahren versucht, sein Leben in Ruhe abzuschließen. Bloß lassen ihn die anderen nicht. Vor allem Emma nicht, seine neue Nachbarin, deren traurige, verzweifelte Augen dem Lebenserfahrenen schnell verraten, dass in ihrem Leben so ziemlich alles schiefläuft. Eigentlich wollte sich Cesare nicht einmischen, aber dann kann er nicht mehr anders. Und kämpft für Emma mit ein paar weiteren tapferen, betagten Mitstreitern – ein Kampf, der auch Cesare selbst wieder zurück ins Leben katapultiert. Ob er will oder nicht.

Der Sarkasmus, der ironische Unterton, mit dem Cesare erzählt, die brillante Leistung des Sprechers Peter Weis – es ist ein Genuss, diesem Roman zwischen Verbitterung und Optimismus zuzuhören.

Der Autor ist übrigens eigentlich Jurist – doch das Schreiben scheint ihm mehr Spaß zu machen. Was sein Leser ihm dankt.
4.1 Stars (4,1 / 5)