Ann-Kristin Gelder: ON-OFF

Die ziemlich kaltblütig und berechnend wirkende 17-jährige Nora arbeitet für eine Firma, die langfristig eine spektakuläre Idee vermarkten will – der Technologiekonzern NGS arbeitet daran, Menschen zu verlinken, denn so könnte der eine zum Beispiel den Thrill eines Freeclimb-Kletteres erleben, während der andere einfach nur im Sessel rumsitzt und die gleichen Emotionen verspürt. Doch der Konzern geht für seine Forschungen über Leichen und das merkt Nora erst, als sie sich in eine ihrer Zielpersonen verliebt. Was das Paar daraufhin erleben muss, ist Horror pur. Und zwar im Detail beschrieben.
Es handelt sich hier um ein Jugendbuch und so startet es auch. Die intimen Szenen sind etwas sehr detailliert, die Szenen, in denen die Chefs von NGS ihre gesamte sadistische Brutalität rauslassen auch – muss man mögen. Für jüngere Jugendliche ist es noch nicht geeignet, denn selbst, wer Dystopien mag, dürfte mit einer solche bestialischen Morderei leicht überfordert sein. Auch ist die Geschichte in sich nicht ganz schlüssig. Zu wenig herausgearbeitet wird zum Beispiel die Beziehung zwischen Tom und Rebecca, die im Koma liegt und mit Tom synchronisiert ist, oder auch die Frage, warum sich eigentlich sowohl die Familie von Alex als auch die von Nora so gar nicht darum zu kümmern scheint, was mit den beiden ist. Nicht schlecht das Buch, aber leider auch nicht wirklich überzeugend.

Corinna Leibig, Hans Hopf: Bin ich richtig?

Die Pubertät mit ihren Pubertieren, die angeblich in vermüllten Zimmerhöhlen vor sich hin mutieren ist doch sehr weit hergeholt. Viele Eltern sehen sie als Schreckgespenst, das sie bekämpfen müssen und dabei ist es nur eine Lebensphase wie viele andere auch. Und wie die meisten Lebensphasen ist auch die Pubertät mit vielen verschiedenen Formen der Trennung verbunden. Mit dem richtigen Blick darauf wird aus einem Schreckgespenst eine spannende Zeit – für die Eltern wie für die Kinder. Eine Zeit, die am Ende, wenn es gut läuft, dazu führt, dass man ein erwachsenes Gegenüber hat, das man respektieren kann – auch dann, wenn es nicht den Weg geht, den man vielleicht selbst so viele Jahre für das Kind vorgesehen hatte.
Aber natürlich kommen während dieser Phase bei den Jugendlichen viele Unsicherheiten auf. Fragen, die man sich nicht zu stellen traut, die einen aber umtreiben. Hier setzt dieses Buch an. Mit auf die Jugendlichen zugeschnittenem Layout – an manchen Stellen wirkt es wie das wirre Tagebuch von jemandem, der grad so gar nicht mit sich im Reinen ist und das dürfte auch der Zweck sein – werden kurz und knapp Fragen beantwortet.
Ein Buch, das in seiner Machart sicher nicht jedermanns Sache ist, das aber durchaus seine Zielgruppe finden könnte. Wobei Erwachsene hier sehr aufpassen sollten, dass sie nicht anbiedernd wirken, denn Teenager haben einen Sinn dafür, wer es ernst mit ihnen meint und wer nur so tut.

Britta Sabbag/Elli Bruder: Prinzessin Zuckerpups

Na da ist es wieder, eines dieser Pupsbücher der Saison. Leider – und das muss man gleich mal vorweg sagen – eines der weniger guten Exemplare. Denn diese Geschichte rund um eine Prinzessin, der man partout nicht sagen will, dass ihre königlichen Pupse nicht weniger stinken als die des Hofhunds, ist ein wenig seltsam. Bei einem Kinderbuch fragt man sich ja immer, was ist der Sinn dahinter? Was soll mein Kind mitnehmen, wenn es sich dieses Buch angesehen, es gelesen hat? Dass man auch zu kleinen Prinzessinnen ehrlich sein muss? Okay. Aber dass diese pupsen und furzen dürfen, was das Zeug hält, egal wo und wer dabei ist? Da kommen eher Zweifel auf. Auch die Sprache ist nicht gut gewählt. Sie ist sehr gestelzt und das merken die Kinder beim Vorlesen sofort. Schade. Denn wie wir bereits gesehen haben, gibt es selbst bei diesem Thema durchaus Bilderbuch-Highlights.

Robin Sloan: Der zauberhafte Sauerteig der Lois Clary

Lois Clary ist eine junge Frau, die als Computerspezialistin der Arbeit wegen in eine fremde Stadt gezogen ist und dort nun so fertig ist, dass ihr ein bisschen Nährstoffgel am Abend eigentlich reicht. An Kochen oder gar Sozialkontakte ist gar nicht zu denken, dazu ist sie viel zu überarbeitet. Bestellen allerdings geht doch und auf diesem Weg lernt sie die Besitzer eines „Restaurants“ kennen, das sich „Clement Street Suppe und Sauerteig“ nennt und das sie ab dato täglich mit unglaublich leckerem Essen beliefert. Als die beiden ihr Take-away aufgeben, hinterlassen sie Lois das Rezept für ihren köstlichen Sauerteig und mit diesem auch den Ansatz, ein Klumpen aus Mikroorganismen, die von da ab viel Pflege benötigen. Soviel Pflege, dass Lois ihren Job aufgibt und sich dem Verkauf von selbstgebackenem Brot widmet – mit interessantem Verlauf.

Ein bisschen mehr Spannung hätte dem Buch gut getan, denn der Ansatz dazu wäre auf jeden Fall vorhanden. Die Autorin schreibt schön, ein bisschen anders als andere, mit eigenem Stil, aber leider wartet man vergebens auf ein wirkliches Highlight. Wem Spannung nicht so wichtig ist wie eine gute Story, wer – zum Beispiel vor dem Einschlafen – gar nicht auf der Suche nach Thrill ist, für den oder die ist dieses Buch sicher geeignet. Denn eines ist es auf jeden Fall: Mal was anderes.

Albrecht Vorster: Warum wir schlafen

Wenn man die eine oder andere Frage zum Thema Schlaf beantwortet haben möchte und sich wissenschaftlich gesehen gerne an der Oberfläche bewegt, dann eignet sich dieses Buch perfekt. Man kann einfach nachschlagen. Egal, ob es darum geht, ob und wenn ja wie man einen Schlafwandler wecken kann, soll oder muss oder ob man wissen möchte, was unser Gehirn in welcher Schlafphase „aufräumt“, hier finden sich die Antworten. Gut gegliedert, nicht zu kompliziert und auch auch nicht zu lang und doch ausführlich genug, um mit seinem neu gewonnenen Wissen auch mal hausieren gehen zu können. Mit außergewöhnlichen Experimenten – wer feiert schon mit Schnecken die Nacht durch? -, partytauglichen Anektdoten und vielen Beispielen aus unser aller Schlafalltag lockert der Autor, ein Biologe, Philosoph und Science-Slam-Gewinner, das gesamte Schlafwissen auf und verhindert so, dass wir über seinem Buch einschlafen. Obwohl das doch fast besser wäre, denn laut Albrecht Vorster wacht, wer schläft, hinterher klüger auf als vorher.

Elke Satzger/Jann Wiennekamp: Lotti kann nicht pupsen

Es scheint ja daaas Thema schlechthin in diesem Sommer zu sein, denn kaum ein Kinderbuchverlag beschäftigt sich nicht in einem seiner neuen Exemplare mit dem Thema Flatulenzen. Aber man muss sagen, Annette Betz hat die beste Auswahl getroffen. Dieses Bilderbuch im Giraffenformat hat eine urkomische Geschichte: Lotti, die Giraffe hat ein Problem, irgendetwas kribbelt, kratzt und zwickt in ihr drin. Ihre Freunde versuchen ihr zu helfen und die Schlange Spirellina schaut mal nach, was da so los ist: „Du hassst eine Fliege verschluckt. Ich kann sssie aber nicht sehen. Wahrscheinlich issst die in deinem Bauch oder schon bei deinem Popo!“, stellt sie fest. Aber daaaa kriecht sie auf keinen Fall hin, das steht schon mal fest. Also muss es anders gehen. Der Affe Paule ist nicht ganz so empfindlich und schaut mal von außen nach. Und was entdeckt er: eine im Po feststeckende Fliege. Da hilft nur eines: kräftig pupsen. Aber wer kann das schon auf Kommando? Sie versuchen alle alles, bis es dann …. aber nein, das wollen wir hier nicht erzählen …

Die Zeichnungen einfach, aber ansprechend, das Thema gerade für Jungs bis ins Grundschulalter mindestens zum Piepen komisch und die Umsetzung einfach toll. Ein sehr schönes Bilderbuch!

Natur – Entdecken * Verstehen * Mitmachen

Der Titel verrät es eigentlich schon: Dieses Buch hat tausend Seiten. Zwar nicht im wahrsten Sinne des Wortes, da sind es „nur“ 64, aber die haben es in sich. Das Buch, das einen erstaunlich festen Einband hat und auch mal was aushält, lädt ein zum Experimentieren, zum Entspannen und vor allem zum Stöbern. Wissenswertes ist immer wieder eingestreut, gerade in der Menge, dass auch Lesemuffel hängen bleiben können. Die Sätze sind nicht schwer und sprechen selbst Legastheniker an. Die Zeichnungen sind naturgetreu und trotzdem phantasievoll und die Machart – wenn auch zunächst etwas verwirrend vom Aufbau her – ist extrem kindgerecht. Wobei sicher der ein oder andere Erwachsene ebenfalls daran hängenbleiben dürfte.

Paula Kuitunen: Mein Tabulu – ein Kinderfachbuch über Angst und Angststörungen

Tabea ging es gut, da wo sie wohnte. Sie hatte eine Freundin und sie hatte ihre Hobbies. Doch dann sind Tabeas Eltern umgezogen und sie musste mit. Der erste Tag in einer neuen Klasse ist immer aufregend, aber Tabea hatte plötzlich ein noch viel größeres Problem. Es hieß Tabulu, machte es sich auf ihrer Schulter bequem und quälte sie. Tabea wollte sich das nicht gefallen lassen und versuchte, Tabulu loszuwerden, aber bei jedem Versuch es abzuschütteln, wurde das Vieh noch größer- und es dauerte eine Weile bis Tabea verstand: Tabulu war ein Teil von ihr. Ein Teil, der wahrgenommen werden wollte und als Tabea das gelang, als sie offen darüber sprach, da stellte sich heraus, dass es von diesen Etwassen deutlich mehr gab als sie dachte. Auf fast jeder Schulter saß eins, mal kleiner, mal größer, aber immer erschreckend. Doch sobald alle merkten, sie sind nicht alleine mit ihren Ängsten, wurden diese leiser.

Etwa jedes zehnte Kind leidet irgendwann im Laufe seiner Kindheit einmal unter einer Angststörung. An einem ängstlichen Verhalten, das über die natürliche und oft auch hilfreiche Angst weit hinausgeht. Eine Herausforderung auch für die Eltern und andere Bezugspersonen, denn sie sind gefordert, angemessen damit umzugehen. Ohne professionelle Hilfe ist das oft nicht ganz einfach, vor allem auch, weil die Abgrenzung sehr schwer fällt. Die Buchreihe MindOlino beschäftigt sich mit schwierigen Themen und die Initiative, die dahintersteht, kämpft für eine offenen und akzeptierenden Umgang mit psychischen Problemen und Erkrankungen.

Das Buch ist aus der Ich-Perspektive erzählt und schafft so eine gute Verbindung zum Leser, am Schluss findet man einen Steckbrief, in dem das Kind seine Angst ausformulieren kann und ein paar Hintergrundinformationen zum Thema. Ein Kinderfachbuch, das an vielen Orten zum Einsatz kommen kann. Vom Kindergarten über die Schule bis hin zu Kindertagesstätten, Horten und auch Praxen aller Art. Überall da, wo Gesprächsbedarf zum Thema Angst herrschen dürfte.

Anne Ameling/Günther Jakobs: Hektor spielt nicht mit Mädchen!

Der kleine Igel Rocky hat ziemlich genaue Vorstellungen davon, was Jungssache und was Mädchenkram ist. Und natürlich ist Wölfchen Hektor da ganz seiner Meinung. Theoretisch zumindest, denn praktisch würde ihm das schon durchaus mal gefallen, was die Mädels da spielen. Aber das traut er sich nicht zu sagen. Die Mädchen, eine Eule und ein Eichhörnchen allerdings lassen sich diese Vorurteilerei nicht gefallen und zeigen Rocky bei einem überraschenden Fußballspiel, was sie können …
Es ist sicher keines der absoluten Highlights der Saison, aber es ist gut, dieses Bilderbuch. Denn gerade Jungen tun sich heute besonders schwer, ihre Rolle zu finden. Und die Umwelt macht es ihnen nach wie vor nicht leicht. Ein Mädchen, das mit Autos spielt? Wunderbar. Ein Junge, der den ganzen Tag eine Babypuppe rumträgt – hmmmm, da kommt schon mal ein Spruch. Das Schöne an diesem Buch ist die Herangehensweise ans Thema: unaufgeregt und nicht polarisierend – optimal geeignet auch für Kindergärten und ähnliche Einrichtungen. Am besten ist der Wolfsvater, der – auf Hektors Hinweis hin, dass Schmetterlinge ja wohl Mädchenkram seien – nur lapidar antwortet: Schmetterlinge sind Schmetterlinge. Und am Schluss spielen alle alles: Jungskram und Mädchenkram, Eichhörnchenkram, Wolfskram, Igelkram und Eulenkram und am allerliebsten Schmetterlingskram.

Bridget Collins: Die verborgenen Stimmen der Bücher – gelesen von Frank Stieren

Emmet, ein einfacher Bauernsohn, erleidet das Buchbinderfieber und wird von seiner Familie weggeschickt. Schließlich leben sie in einer Zeit, in der Bücher verpönt sind und die Kreuzzüge gegen das geschriebene Wort noch fest in den Erinnerungen verankert sind. Ein „Irrsinniger“ wie Emmet ist da nicht gern gesehen. Auch dann nicht, wenn die Eltern sehr gut wissen, dass das Erlebte mit Wahnsinn eigentlich gar nichts zu tun hat. Emmet kommt zur alten Buchbinderin Seredith, die fast ein bisschen wie eine Hexe aus einem Bilderbuch wirkt. Tief im Inneren ihres kleinen Häuschens sind zahlreiche Bücher versteckt, die sie selbst gebunden hat – bzw. bei denen sie die Erinnerungen der Personen, um die es geht, gebunden hat. Denn das ist die Handwerkskunst, die Emmet lernen soll. Doch soweit kommt es nicht, Seredith stirbt und ihr Sohn nimmt sich Emmet an, nicht ganz uneigennützig …

Und von da an beginnt die Geschichte sich ein bisschen zu ziehen, jetzt ist der Moment, wo man mehr wissen möchte. Über die Buchbinder an sich, ihr Handwerk, die Hintergründe, die Kreuzzüge, aber die Autorin hält sich eher bedeckt, auch die Liebesgeschichte, die sie spannt, wirkt irgendwie oberflächlich, und es wird zeitweise schwierig, die Motivation aufzubringen, weiterzuhören. Was auch am Sprecher liegen mag, denn auch, wenn seine Stimme sehr schön ist und er die einzelnen Charaktere gut rüber bringt: auf Dauer wirkt es ein bisschen monoton. Aber letztendlich lohnt es sich, dranzubleiben.

Jeder von uns birgt wohl ein tiefes Geheimnis, eine ferne Erinnerung, die man nicht unbedingt bräuchte. Auf die man gut verzichten könnte. Und die sich doch immer wieder und äußerst ungewollt in die Gegenwart schleicht. Ein absolutes Vergessen wäre da doch wünschenswert. Oder? Und genau bei diesem Oder bleibt man nach der Lektüre dieses Buches hängen. Ein tröstlicher Gedanke, den Bridget Collins da pflanzt.