Bethanie Deeney Murguia: Glaubst Du an Einhörner?

Da steht ein Pferd mit Hut. Ein weißes Pferd mit einem hohen Hut. Es kööööönnte ein Einhorn sein. Wenn sich das Horn unter dem Hut versteckt. Wir verfolgen es also einmal und sehen, was passiert. Und richtig spannend wird es, als das Pferd den Hut ablegt. Doch auch dann ist nie ganz klar, um was es sich handelt … Egal, wie viele Schmetterlinge und Blumen seinen Weg gesäumt haben.
Dieses Kinder-Bilderbuch ist aufgebaut wie die Unterhaltung zwischen einem Erwachsenen und einem Kind. Das Kind ist sicher, dass es sich um nichts anderes als ein Einhorn handeln kann. Sooo viele Indizien. Aber der schnöde, phantasielose Erwachsene findet immer neue Argumente dafür, warum das Pferd einen Hut trägt und warum es, selbst ohne diesen, auf keinen Fall ein Einhorn sein kann. Bis er selbst zu zweifeln beginnt.

Dieses Buch lebt von den Zeichnungen. Mehr noch als andere Bilderbücher. Es lebt von optischer Täuschung, von Phantasie und Vorstellungsvermögen. Und regt auch den erwachsenen Vorleser dazu an, mal wieder auf kindliche Art und Weise seinen Horizont zu erweitern.

Janisch/Soganci: Schenk mir Flügel

Eines Tages malt ein Kind einen Engel und der weiß genau was er will. Beziehungsweise, was er nicht will. Nämlich stinknormale Flügel. Das Kind soll sich was einfallen lassen und das tut es auch. Es malt Flügel aus Gras und solche aus Glas, es malt welche aus Papier und andere aus Schatten, aus Sonnenstrahlen oder Meereswellen. Für welche sich der kleine Engel entscheidet, sei hier nicht verraten. Nur so viel: Er bliebt nicht der einzige, der fliegen konnte.

Ein wunderschönes Bilderbuch nicht nur für Kinder, sondern auch für Erwachsene. Die Zeichnungen sind leicht und phantasievoll und die Materialien, die das Kind für die Flügel seines Engels nutzt, regen zum Gespräch an.

Judith Allert: Hilda Heidelbeer und das magische Ei

Gerade war das Haus noch ein ganz normales Haus und plötzlich ist es bewohnt, ja regelrecht belebt. Wie und wann das passiert ist und warum gerade der ängstliche Frederik und die deutlich forschere Anna gemeinsam dort gelandet sind, ist ihnen beiden ein Rätsel. Genau wie Hilda, deren Eltern oben im Arbeitszimmer wie wild an einer Geschichte arbeiten und nicht gestört werden dürfen. Und die es sich mit einem Muli, einer Schildkröte à la Momo und einer Wundereier legenden Henne gemütlich gemacht hat. Die Zeit mit Hilda wird abenteuerlich für die beiden Kinder – mit äußerst überraschendem Ende.

Ein Buch über Mut, Selbstfindung und Sich-Behaupten, eher für Mädchen als für Jungs. Die Geschichte rund um Hilda Heidelbeer ist farbenfroh, phantasievoll, überraschend und auch ein bisschen tröstlich.

Charlotte Habersack: Bitte nicht öffnen – bissig!

Was macht man, wenn irgendwo „Bitte nicht öffnen“ draufsteht und man in einer Stadt lebt, deren Name Boring Programm ist? Ganz klar, man gerät in Versuchung. Da geht es auch Nemo nicht anders und er macht das Päckchen auf, das an „Niemand am Arsch der Welt“ adressiert ist. Könnte ja für ihn sein. Schließlich heißt Nemo auf Lateinisch Niemand und auch der Rest der Adresse könnte mit ein bisschen Phantasie stimmen. Zunächst sind er und sein Freund ziemlich enttäuscht – bloß ein blödes Plüschtier. Aber dann überschlagen sich die Ereignisse: Es beginnt zu schneien, das Plüschtier wächst und stellt sich als waschechter Yeti mit ziemlichem Appetit heraus…Der Wettlauf gegen die Zeit, den Nemo und seine besten Freunde jetzt antreten müssen, ist reichlich amüsant. Auch, wenn die einzelnen Charaktere teilweise ein bisschen zu überzeichnet sind.

Das Buch eignet sich zwar ganz hervorragend zum Selbst- und Vorlesen, aber die CD ist stimmlich ein echtes Highlight. Wanja Mues. Der Sohn des vor wenigen Jahren tödlich verunglückten Dietmar Mues macht seinem Vater alle Ehre. Einziger Nachteil beim Hörvergnügen, das Cover kommt lang nicht so gut zur Geltung wie beim Buch.

Charlotte Habersack ist wieder einmal ein echter Leseanreiz gelungen und dazu noch einer, der sich für Jungs wie für Mädchen gleichermaßen eignet. Kein Wunder, ist sie doch auch die Autorin eines der witzigsten Bilderbücher der letzten Jahre.
4.0 Stars (4,0 / 5)