w. Thomas Boyce: Orchidee oder Löwenzahn?

Wie unterschiedlich Menschen sein können, das wissen Mütter, die bereits mehrere Kinder zur Welt gebracht haben. Bereits im Bauch ist eines ganz empfindsam und das andere wehrt sich, wenn ihm was nicht passt, jeder Mensch kommt bereits mit seiner Grundpersönlichkeit auf die Welt – den Rest macht die Umwelt. Und hier kommen Begriffe ins Spiel wie Resilienz.
Der Autor, der die Menschheit grob gesagt in Löwenzahnpflanzen und Orchideen einteilt, ist Professor für Kinderheilkunde und Verhaltenspsychologie, also auf jeden Fall jemand, der weiß, wovon er spricht. Und der Studien zitiert, die staunen lassen. Der Beispiel bringt, die unter die Haut gehen und erklärt, was nicht immer auf den ersten Blick offensichtlich ist. Ein Buch, das nicht nur dabei helfen kann, die eigene Persönlichkeit besser zu verstehen, sondern das vor allem auch dabei helfen kann, die Persönlichkeit des eigenen Kindes zu unterstützen und so in Bahnen zu lenken, die dem Kind guttun – auch dann, wenn wir es von außen vielleicht nicht immer verstehen.

Prof. Dr. Markus Egert: Ein Keim kommt selten allein

Ihhhhhh – das ist eigentlich der erste Gedanke, den man hat, wenn man mal kurz über den Titel nachdenkt. Und wenn Sie sich mal wieder so richtig gruseln möchten, dann müssen Sie nur den Absatz über Fleisch lesen. Aber dieses Buch ist nicht dafür gemacht, dass unser Ekel größer wird, sondern dass wir verstehen, wie der Mikrokosmos im Makrokosmos funktioniert und vor allem: welchen sinnvollen Zweck er hat.
Es gibt ja diesen Witz über die Außerirdischen, die sich sicher sind, dass unser Kühlschrank unsere Toilette sein muss, denn dort ist der meiste Dreck. Während die Toiletten in der Regel alle paar Tage gründlich geputzt wird, können die meisten Kühl-Gefrier-Kombinationen das nicht von sich behaupten, oder wann haben Sie das letzte Mal …?

Wer oder was lebt in unseren Küchenschwämmen und lacht sich ins Fäustchen bei unseren Versuchen, die Küche zu reinigen? Was ist Mikrobensex? Und was passiert auf dem Handy, wenn es auf dem Klo benutzt wird bzw. dann, wenn sich einer nach dem Gang dorthin die Hände nicht mindestens 30 Sekunden lang mit Seife gewaschen hat? Manches davon will man vielleicht gar nicht wissen, aber es ist wie bei einem gruselig guten Film, man kann nicht anders, man bleibt dran. Und das ist in diesem Fall auch gut so, denn zuguterletzt erfährt der geneigte Leser doch noch viel Gutes über unsere minikleinen Mitbewohner.

Inés Brock: Wie die Geburtserfahrung unser Leben prägt

Die letzten Jahrzehnte können wir uns in vielen Dingen nicht gerade auf unsere Fahnen schreiben und die Geburtshilfe gehört zweifelsohne dazu. Wir haben verlernt auf unsere innere Stimme zu hören und gehorchen stattdessen regelrecht dem Diktat von außen. Beziehungsweise dem der Medizin. Dabei ist auch ein ganz elementares Wissen fast verlorengegangen: Das Wissen um die Relevanz von Schwangerschaft und Geburtserlebnis und um deren Auswirkungen auf unser weiteres Leben. Der Kaiserschnitt ist zum Alltag geworden, jede kleine vermeintliche Schwierigkeit lässt so manchen Arzt schon zögern. Allein die Tatsache, dass Ärzte statt Hebammen gefragt werden, sagt alles. Doch langsam drängt eigentlich sehr altes Wissen wieder an die Oberfläche und wir erkennen, dass unser Leben nicht erst dann beginnt, wenn wir unseren ersten Schrei von uns geben. Und dass es durchaus ausschlaggebend sein kann, unter welchen Umständen dies geschieht. Stärkt man das Selbstvertrauen einer Frau im Vorfeld und lässt sie dann während der Geburt selbst entscheiden, welche Position sie zum Beispiel einnimmt, dann spürt man, das sie intuitiv weiß, was sie tut.

Das Angenommen-, das Willkommensein ist enorm wichtig für einen Menschen. Erwachsene, die schon als Ungeborene nicht gewollt waren, kämpfen in ihrem Leben häufiger mit Ängsten und Depressionen, mit Suchtproblemen und Kriminalität. Nicht grundlos gehen Therapeuten in ihrer Arbeit immer weiter zurück im Leben eines Menschen, oft bis zur Zeugung. Denn die pränatale Phase kann, genau wie die ersten Lebensmonate, entscheidend prägend sein.

„Das neue Wissen um die lebensgeschichtliche Bedeutung von Schwangerschaft und Geburt und früher Entwicklung stellt also die Gesellschaften vor neue Verantwortlichkeiten im Umgang mit Schwangerschaft und Geburt“ heißt es in einem der Artikel. Eine Verantwortung, die wir alle ernst nehmen sollten: Schwangere Frauen genauso wie Hebammenschüler von heute und morgen, Wissenschaftler, Psychologen und Therapeuten und vor allem Ärzte.

Inés Brock ist Kinder- und Jugendpsychotherapeutin, Supervisorin und Erziehungswissenschaftlerin und hat in diesem Buch zahlreiche Beiträge von unterschiedlichen Berufsgruppen zum Thema zusammengefasst. Bei allen kristallisiert sich heraus: Die Geburt ist ein zentrales Ereignis für den Menschen und die Autoren thematisieren durchaus auch die Einwirkungen der medizinischen Möglichkeiten, das Nicht-Abwartenkönnen der heutigen Zeit und die Folgen, die ein negatives Geburtserlebnis auf einen Menschen haben kann.

Alan Burdick: Warum die Zeit verfliegt

Eine größtenteils wissenschaftliche Erkundung – so lautet der Untertitel dieses Buches, bei dem sich der Autor auf spannende Weise einem Thema nähert, das eigentlich gar nicht existiert.
Zeit ist so schwer zu greifen, dass wir von ihr nur in Bilder sprechen können. Sie verfliegt, zieht sich hin, rinnt wie Sand durch die Finger – doch was ist Zeit eigentlich? Ist sie nur eine Eigenschaft des Geistes? Was hat Struktur mit dem Begreifen von Zeit zu tun, warum vergeht die Zeit schneller, wenn man älter wird und wann endet eigentlich die Gegenwart?

Alan Burdick versucht, Antworten auf diese Fragen zu finden und stößt dabei letztendlich noch weitere Gedankengänge an. Und schnell stellt sich die Frage, welche Rolle bei dem Ganzen die eigene Wahrnehmung spielt. Trotz seiner wissenschaftsjournalistischen Herangehensweise verleiht Alan Burdick dem Buch auch einen persönlichen Charakter. Und am Schluss versteht man, warum dieser Mann nie eine Uhr tragen wollte.

Der Autor schreibt für den New Yorker, wo er bereits als leitender Redakteur tätig war. Sein erstes Buch Out of Eden wurde für den National Book Award nominiert und vom Overseas Press Club ausgezeichnet.