Giuliano Ferri: Der kleine Vampir verliert seine Zähne

Der kleine Nachwuchsvampir findet richtig viel Gefallen daran, anderen Angst und Schrecken einzujagen. Sein Ziel: einmal der gefürchtetste Vampir aller Zeiten zu werden. Doch eines Tages verliert er seine Fangzähne und aus ist es mit dem Erschrecken der anderen. Denn fürchterlich sieht anders aus. Doch keiner der anderen Vampire nimmt ihn ernst, sie versuchen ihn nur, zu beschwichtigen. Die Zähne würden schon wieder wachsen, seien ja nur die Milchzähne gewesen. Doch das tröstet den kleinen Vampir üüüüberhaupt nicht. Was ihn allerdings nicht nur tröstet, sondern ihm auch eine wichtige Erkenntnis beschert, ist die Reaktion der anderen Tiere.

Die Grundgeschichte von Freundschaft ist letztendlich immer wieder die gleiche, aber umgesetzt ist die Thematik hier besonders schön und vor allem extrem phantasievoll. Man kann ihn sich richtig vorstellen, den kleinen Vampir, wie er sein Leben neu ordnen muss und dabei etwas wirklich Wichtiges lernt.

Simona Ciraolo: Komm kuscheln

Felipe stammte aus einer alten und berühmten Familie, die viel Wert darauf legte, gut auszusehen und sich stets vornehm zu verhalten. Anderen sollte man möglichst niemals zu nah kommen. Felipe ist ein kleiner Kaktus und er kann mit dem stolzen Gehabe seiner Verwandten nicht viel anfangen – er möchte viiiiel lieber in den Arm genommen werden. Eines Tages kommt jemand und die beiden kommen sich näher, aber dann platzt der Luftballon und alle schimpfen mit Felipe. Da haut er ab …

Diese Geschichte geht wirklich sehr zu Herzen, die Zeichnungen sind wunderschön und man kann gar nicht anders, als ganz stark Mitgefühl zu entwickeln für den kleinen grünen Kaktus, der letztendlich doch noch jemand findet, der von ihm in den Arm genommen werden möchte. Und es so richtig genießen kann.

Nonnast/Göhlich: Wer hat Angst vorm schwarzen Gespenst

Xenophobie – die Angst vor Fremden, die schlummert tief in jedem von uns. Es ist eine ganz natürliche Angst, die auf die Urzeit zurückgeht und uns schützte. Dass wir Menschen heute bereits ein ganzes Stück weiter sein sollten als unsere Vorfahren, sollte eigentlich klar sein. Aber selbst bei uns setzt sie sich – gerade zur Zeit – wieder in den Vordergrund, die Angst. Und zaubert wilde Blüten.
Gespenstern geht es da nicht anders. Wenn eines schwarz statt weiß ist, dann muss es ein Dieb, ein Lügner und auf jeden Fall ein großer Schuft sein. Und sowieso schuld an allem. Selbst, wenn man es selbst war, denn so lässt sich ja prima ablenken. Dass das schwarze Gespenst zusätzlich stinkt, dass es alles kaputt macht und keinen Respekt vor der Natur hat, versteht sich da ja schon fast von selbst.

Irgendwann haben die Gespenster Marti und Luzi genug von dem Fiesling und wollen ihn zur Rede stellen. Doch was sie dann entdecken und was sich daraus entwickelt, ist für die beiden und ihre Freunde wirklich überraschend.

Dieses Buch ist sehr empfehlenswert, um Vorurteilen etwas entgegenzusetzen. So lernen die Kinder bereits von klein auf, dass anders nicht schlecht sein muss. Im Gegenteil.

Sabine Bohlmann/Susanne Straßer: Als die Wolke bei uns wohnte

Was macht man, wenn einem eines Tages eine kleine schwache Wolke auf den Kopf fällt? Ganz klar, man päppelt sie auf, misst Fieber, tröstet sie, versucht ihr zu helfen – selbst, wenn die Wolke keinen Tee mag. Und man macht sich schlau, was so eine Wolke denn braucht. Die kleine Wolke, die dieses Mädchen plötzlich zuhause hatte, erholt sich schnell und wird ein Super-Spielkamerad. Man kann vom Schrank auf sie hüpfen, auf ihr reiten und mit ihr Gassi gehen. Aber die Wolke wird im Lauf der Zeit immer größer und was dann?

Ein interessanter Ansatz über das Festhalten und Loslassen, über Freundschaft und das, was manchmal einfach getan werden muss. Die Geschichte ist aus der Ich-Perspektive erzählt, was für ein Bilderbuch relativ ungewöhnlich ist, sich aber auch nicht so gut vorliest. Überhaupt hat das Buch die Erwartungshaltung, gerade an die Autorin, nicht ganz erfüllt. Denn auch, wenn die Idee gut ist, die Umsetzung ist nicht optimal. Es gelingt nicht, die Leichtigkeit, die man sonst an ihr bewundert, hier wirklich zu spüren. Das betrifft auch die Zeichnungen, die durchaus etwas „niedlicher“ hätten ausfallen dürfen. Ganz schön allerdings ist, was man so ganz nebenbei über Wolken lernt.
2.5 Stars (2,5 / 5)

Heidrun Petrides: Der Xaver und der Wastl

Der Xaver, der wohnt in einer Dachkammer. Wenn er aus dem Fenster sieht, sieht er nur Dächer und wenn es regnet, dann muss er mit Schirm im Zimmer sitzen. Der Wastl, der wohnt ganz unten und er sieht nur Steine und Beine. Und wenn es regnet, dann spritzen die Pfützen gegen das Fenster oder ins Zimmer. Die beiden träumen davon, ein Haus zu bauen, ein echtes. Wenn sie mal groß sind. Aber so lange müssen sie gar nicht mehr warten, denn die Gelegenheit ergibt sich schneller als sie denken. Bei einem Spaziergang entdecken sie eine alte, verlassene Baubaracke und erhalten die Erlaubnis, sie herzurichten. Einfach aber ist das nicht, aber zum Glück erhalten sie immer da Hilfe, wo sie es am wenigsten erwartet haben.
Eine wunderschöne und bereits alte Geschichte über Heimat, vom Gefühl, mit eigenen Händen ein Zuhause, etwas ganz Eigenes zu schaffen. Etwas, in dem man sich geborgen fühlen kann.
17 Jahre war die Autorin jung, als sie dieses lehrreiche und fast schon lebenserfahrene Buch schrieb, mit starken, mutigen Szenen, traurigen Momenten und Farben, die einem mit Xaver und Wastl träumen lassen.
Tolle Idee von atlantis, dieses Buch schon zwei Generationen überdauernde Kinderbuch wieder zum Leben zu erwecken!
4.0 Stars (4,0 / 5)

Frauke Nahrgang: Roboter Sam – der beste Freund der Welt

“Ich heiße Sam. Bei Jakob klingt das wie Säm.“ So stellt sich die Smart Action Machine vor – der kleine Roboter, den Jakob und sein Vater Justus erfunden haben. Und erzählt, wie es war, als er zum ersten Mal ein Bewusstsein verspürte, wieso er den kleinen Erfindersohn gerne hat und was mit seinen Vorgängern passiert ist. Jakob und Sam werden echte Freunde, erleben viel zusammen und kämpfen gemeinsam gegen den fiesen Dr. Zimperling. Bei dem Sams Gefühlsscanner gleich darauf hingedeutet hat, dass etwas nicht stimmt.

Ein Buch wie dieses ist optimal für etwas geübtere Erstleser, die bereits mit direkter und indirekter Rede umgehen können. Man merkt, dass hier eine Grundschullehrerin zugange war. Frauke Nahrgang kennt die Zielgruppe und deren Bedürfnisse. Die Sätze sind kurz und in relativ einfachen Worten gehalten, die Kapitel überschaubar, die Schrift groß genug, um schnell das Gefühl von Leseerfolg zu vermitteln. Die zahlreichen bunten Illustrationen, gezeichnet von Markus Spang, laden zum optischen Verweilen ein und sind so gemacht, dass der kleine Leser sich bei ihrem Betrachten innerlich noch einmal mit der gerade gelesenen Szene auseinandersetzen kann. Einziges Manko: ein bisschen mehr Spannung hätte das Thema schon hergegeben.
3.0 Stars (3,0 / 5)

Fleur Smithwick: Wo du auch bist

Alice und Sam sind unzertrennlich. Sie spielen jeden Nachmittag zusammen, sie erzählen sich alles, sie gehen sogar in die gleiche Klasse – aber Sam ist nicht real. Er ist einer der häufig auftretenden imaginären Freunde, die viele Kinder haben und die gerade in schwierigen Lebenssituationen sehr hilfreich sein können. Und wie es mit diesen Wesen ist – irgendwann sind sie weg und keiner weiß, wann genau sie nicht mehr gebraucht wurden. Und so war das auch bei Alice.

Bis bei einem fürchterlichen Unfall, an dem sich die junge Frau die Schuld gibt, ihr bester Freund Rory stirbt. Plötzlich ist Sam wieder da. Inzwischen selbst zum Mann gereift kümmert er sich um die angeschlagene Alice, tröstet und unterstützt sie. Und er wirkt völlig real. Sie kann ihn sehen, sie kann ihn fühlen, wenn er mit ihr allein ist, kann er sogar Dinge bewegen. Ihr Umfeld reagiert mit zunehmenden Unverständnis. Was Alice nichts ausmacht, bis auch Sam anfängt, sie unter Druck zu setzen und dabei immer mehr Macht bekommt.

Das ist bei Weitem nicht alles, was diese Geschichte hergibt. Es ist ein wundervolles Buch über die Kraft der Liebe, aber auch die der Trauer und Verzweiflung, über Realitäten und wie diese von jedem unterschiedlich wahrgenommen werden und über die Wucht von Macht.

Das Einzige, was man diesem Buch ankreiden könnte, ist das Cover. Denn das Original trifft es deutlich besser. Das deutsche Cover ist absolut nichtssagend und wirkt, gemeinsam mit dem Titel wie eine dieser langweiligen Liebesgeschichten – dabei ist der Roman, der bisweilen schon Thriller-Aspekte beinhaltet, alles andere als das. Er gehört zu den Besten. Und um die sonst so verhasste Floskel mal wieder zu bemühen: Man darf gespannt sein auf das zweite Buch der Autorin.
5.0 Stars (5,0 / 5)

Julia Volmer: Du gehörst zu uns oder Jeder ist ein bisschen anders

Der kleine Bär ist traurig. Die Elster hat ihn wegen seiner roten Nase aufgezogen, der Vogel weiß genau, wo er einen wunden Punkt treffen kann und nutzt das reichlich. Auch das Eichhörnchen, auf dessen Baum sich der Bär verstecken will, ist Opfer eines verbalen Elsteranschlags geworden. Und von dieser wegen seines Gewichts gemobbt worden.
Als die beiden Freunde erkennen, dass sie dasselbe Problem haben, versuchen sie sich gegenseitig zu helfen. Das Eichhörnchen macht alles, um den Bären von der roten Nase zu befreien – Heftplaster, anmalen und eine Pampe aus Blaubeeren und Kohle und der Bär lässt sich auch für seinen Freund etwas einfallen: Er spritzt ihn nass und schon sieht das Eichhörnchen gleich ganz schlank aus. Aber dann stellen beide fest: Sie hätten das alles gar nicht machen müssen, denn für ihre Freunde sind sie so wie sie sind genau richtig. Da kann die Elster sagen, was sie will.

Die gemeine Elster hat am Schluss das Nachsehen, die Freunde halten zusammen und wissen, wie wichtig es ist, dass jeder anders und jeder auf seine Art gut ist. Ein bisschen schade, dass es die Elster in diesem Buch nicht auch lernen durfte.

Julia Volmert, die nach ihrem Studium für Visuelle Kommunikation ihre Bücher auch selbst mit ganz charakteristischen Bildern bestückt, ist genauso ein Garant für schöne Bilderbücher wie der Albarello-Verlag. Die Bücher haben immer einen moralischen Hintergrund und sind doch nie dem erhobenen Zeigefinger gewidmet.
3.4 Stars (3,4 / 5)

Jutta Langreuter/Silvio Neuendorf: Bist du noch mein Freund?

Knäcke und Taps haben einen kleinen, ganz versteckten Garten, in dem sie etwas anpflanzen: Salat, Radieschen und vor allem ihre heißgeliebten Erdbeeren. Doch eines Tages sind die Erdbeeren einfach verschwunden. Und der Verdacht liegt nahe. Knäcke verdächtigt Taps. Und Taps Knäcke. Die beiden sind stinksauer aufeinander und wollen nie wieder etwas miteinander zu tun haben. Doch als sie das wutentbrannt den anderen Tieren erzählen, verstehen diese das gar nicht, waren Taps und Knäcke doch immer so ein wundervolles Team. Und sie erinnern die beiden einzeln an all die schönen Erlebnisse, die sie zusammen gehabt haben, an die Erinnerungen an wundervolle Momente, die sie teilen. Als die beiden sich wieder über den Weg laufen, haben sie viel nachgedacht. Und reißen das Boot gerade noch mal in die richtige Richtung.

Streit gibt es immer wieder. Aber echte Freunde schaffen es, Prioritäten zu setzen und das Wichtige vom Unwichtigen zu unterscheiden. Und wenn es ihnen selbst nicht gelingt, dann brauchen sie andere, die sie mit der Nase darauf stoßen, dass sie im Begriff sind, einen Fehler zu machen. Solche Freunde, wie Taps und Knäcke sie haben. Eine wichtige Lehre für kleine Bilderbuchleser und ein von Coppenrath in gewohnt edler Weise aufgemachtes schönes Buch über die Freundschaft und ihre Klippen.
3.7 Stars (3,7 / 5)

Katherine Hannigan: Die Wahrheit, wie Delly sie sieht

Delly ist anders als andere Elfjährige. Ganz anders. Und Schüchternheit gehört nicht zu ihrem Repertoire. Meistens bringt ihr ihr Verhalten eine ganze Menge Ärger ein. Sie lässt Tiere frei, prügelt sich, wenn ihr was nicht passt und oft tritt sie mit ihren Aussagen anderen gewaltig auf die Füße, ohne es überhaupt zu merken. „Delly Pattinson war winzig. Ihr Haar lag in festen Locken um den Kopf wie ein kupferroter Heiligenschein, und ihre Stimme war so rau, als wäre ihr Hals ein Schotterweg. Delly Pattinson, das bedeutete Ärger: kleiner ärger, der sich anschickte, GROSSER ÄRGER zu werden und der seinem Ziel täglich näher kam.“ Bis Ferris auftauchte. Die Neue in der Klasse wollte weder sprechen noch berührt werden. Alle akzeptierten das, aber Delly war das unmöglich. Doch ihre Haudrauf-Einstellung klappt bei Ferris nicht. Das Mädchen muss sich in Demut üben, wird dafür aber reichlich belohnt.

Katherine Hannigan aus New York, ist studierte Mathematikerin und unterrichtet Studenten in Kunst und Design an der Uni Iowa. Ihr Debüt „Ida B“ war Bestseller der New York Times und wurde mehrfach ausgezeichnet. Sprecherin Jodie Ahlborn ist im deutschen Fernsehen wohlbekannt. Und auch im Hörbuchbereich hat sie inzwischen einen ziemlichen Namen gemacht. Ihr Können verleiht dem Buch noch das restliche bisschen Würze.
4.1 Stars (4,1 / 5)