Jochen Till: Memento Monstrum

Das findet Opa Dracula überhaupt nicht lustig: Seine Frau und seine Tochter verschwinden einfach zu einer Wellnessreise und überlassen ihm die drei Enkelkinder. Dabei hat er keine Ahnung von Kindern. Er weiß nicht, wie man sie füttert. Oder womit. Und er weiß nicht, wie er sie tagsüber davon abhalten soll, ans Sonnenlicht zu gehen. Vor seinem ängstlichen inneren Auge sieht er sich seiner Tochter schon einen Haufen Asche übergeben, wenn diese von ihrem Kurztrip zurückkommt. Aber es hilft alles nichts, der knapp 600-jährige, leicht vergessliche Vampirgroßvater muss babysitten. Doch da kommt ihm die rettende Idee und er packt seine alten Geschichten aus. Geschichten von hinterlistigen Werwölfen, Yetis, Fischmonstern und grässlichen Riesenspinnen – die zeigen, dass in jedem vermeintlichen Monster ein netter Kern stecken kann.

Besonders zauberhaft an diesem Buch ist die Aufmachung. Die Illustratorin Wiebke Rauers hat ganze Arbeit geleistet und die Charaktere extrem putzig umgesetzt.

Stephan Pricken: Monster!

Es ist ein typischer Wochenend- bzw. Feiertagsmorgen: alles unter einem Meter ist bereits hellwach, die Eltern wollen dringend weiterschlafen und nehmen dabei auch so einiges in Kauf. So ist es auch bei Joscha, nur dass seine Eltern ihm dummerweise nicht glauben, dass Monster im Haus sind. Um sein Kaninchen zu beschützen, stürzt sich der Kleine todesmutig ins Erdgeschoss – und lernt die Schrankkrabbler kennen. Ziemlich unflätige Wesen ohne Benehmen, die eigentlich nur auf der Durchreise sind und letztendlich schlimmer aussehen als sie sind. Das Chaos allerdings, das sie anrichten, das wird Joscha in die Schuhe geschoben …

Dieses Bilderbuch spaltet die Leserschaft. Da sind zum einen die, die begeistert „nochmal“ rufen, wenn man es vorgelesen hat und die sich freuen, dass es nun endlich eine Erklärung gibt, warum es, wenn die Eltern dann doch endlich mal aufstehen, immer so verwüstet aussieht und zum anderen die, die sich fragen, was der Zweck eines solchen Buches sein soll. Die Eltern nehmen weder die Ängste des Kindes wahr, noch fragen sie sich, warum ihr sonst so braves Kind einen solchen Saustall anrichtet … diese Monster haben irgendwie nichts Niedliches an sich und werden auch was den pädagogischen Wert angeht, von anderen Bilderbuchmonstern um Längen übertroffen.

Katja Reider/Henrike Wilson: Saumüde

Der Tag war lang, Mama Schwein ist müde, um es ganz genau zu nehmen sogar saumüde. Nicht so der Nachwuchs. Das kleine Ferkel ist hellwach und es ist ihm auch ganz egal, dass die Hühner schon gähnen. Es weckt sie einfach ganz schnell wieder auf. „Ich glaube, ich bin auch nachtaktiv“, stellt es begeistert fest, als es die Eule kennenlernt. Mama Sau sieht das ein bisschen anders und gibt ihr Bestes, um ihr Kleines zur Ruhe zu bringen. Das allerdings glaubt, kein bisschen müde zu sein und wird immer überdrehter. Fast kommt es zum Unglück … aber zum Glück sind Mamas ja immer dann hellwach, wenn es darauf ankommt. Eine Thematik, die fast alle Eltern kennen: Man selbst kann kaum mehr die Augen aufhalten, die Kinder allerdings finden tausend Gründe, um nicht ins Bett zu müssen. Schließlich gibt es ja noch so viel zu erleben. Ein schönes Bilderbuch, um abends einen ereignisreichen Tag abzuschließen. 

Susan Nielsen/Leonie Ebbert: Lotti & Dotti

Lotti ist fünf. Und da ist man definitiv bereits alt genug, um mal zwei Wochen bei der Oma zu bleiben. Oma hat viel Zeit zum Spielen, Kuchen backen und reden … Eines Morgen wacht Lotti auf, weil Omas Hund gar nicht aufhören will zu bellen. Sie sieht nach und findet in der Küche ein entlaufenes Pony. Oma und sie bringen es zurück, erfahren, dass es Dotti heißt und niemand etwas dagegen hat, wenn Lotti ein paar Tage auf es aufpasst. Es werden wunderschöne Tage, in denen Lotti & Dotti viel gemeinsam erleben. Doch dann geht es ans nach Hause fahren und Lotti wird sehr traurig …

Coppenrath schafft es immer wieder, Bücher auf den Markt zu bringen, die überraschen. So wie dieses, das von der Machart her, mit den vielen liebevoll geschossenen Fotos, die die Geschichte erzählen, ziemlich 70er ist. Und gerade dadurch besticht. Obwohl nicht nur dadurch, sondern auch mit der Tatsache, dass wohl jedes kleine Mädchen sich schon einmal eine solche Dotti gewünscht hat.

Kai Lüftner: Sei kein Frosch

Hope ist ein Laubfrosch und weil bei der Vererbung der Farbe Grün das Gelb gefehlt hat, ist er eben blau. Hope ist anders als andere Frösche. Was vor allem auch daran liegen kann, dass er eine andere Erziehung genossen hat. Seine Mutter hat eine Weile bei den Menschen gelebt und dort einiges aufgeschnappt. Leider ist sie bereits früh verstorben und Hope, einziger Überlebender seiner Familie, muss sich mehr oder weniger alleine durchschlagen. Was ihm dank seiner Intelligenz auch ziemlich gut gelingt. Eines Tages findet er einen Toten im Teich und er weiß auch, wer das ist: ein Umweltschützer, der versucht hat, ein Bauprojekt auf den Wiesen, auf denen Hopes Heimat liegt, zu verhindern. Der kleine blaue Frosch macht sich ans Werk, um den Mörder zu finden. Und bekommt dabei menschliche Unterstützung.

Man kennt ihn von Furzipups und den Finstersteins – Kai Lüftner hat sich inzwischen durchaus einen Namen gemacht auf dem Kinderbuchmarkt. Und auch dieses Buch ist nicht schlecht. Wirklich hervorragend allerdings ist es leider auch nicht. Das liegt vor allem an einer Sprache, die alles andere als kindgerecht ist und bei der Wörter verwendet werden, die ein normaler Zehnjähriger jetzt nicht unbedingt auf dem Schirm hat. Beim Vorlesen ist man also dauernd gezwungen zu stoppen, um zu erklären und beim Selbstlesen wird im besten Fall darüber weggelesen. Beides nicht optimal. Doch der Erwachsenenblick scheint sich von dem der Zielgruppe in diesem Fall gewaltig zu unterscheiden. Denn die findet den kleinen blauen Detektivfrosch spannend und cool.

Thomas Springer/Alexandra Langenbeck: Onno & Ontje – Freunde sind das schönste Geschenk

[aartikel]3649630419:left[/aartikel]Wenn es nach dem alten Fischer Onno ginge, dann zünden sie einfach an Weihnachten eine Kerze an, machen ein wenig Musik und das war’s denn. Seine Frau Olga sieht das ganz anders. Sie möchte einen schön geschmückten Baum in einem schön geschmückten Haus, ein Festmahl, viele Kerzen und Geschenke … so wie es sich eben für Weihnachten gehört. Am nächsten Morgen macht sie sich mit ihrem Boot auf den Weg, um einen Tannenbaum auf ihre Insel zu holen, während Onno und sein kleiner Freund, der Biber Ontje, schon einmal zuhause alles vorbereiten sollen. Doch Ontje hat Wichtigeres zu tun. Er lädt schon mal alle seine Freunde zu sich nach Hause ein, denn was ist Weihnachten ohne Besuch? Onno grummelt. Robben im Wohnzimmer, Möwen im Haus und der Seestern? Soll der etwa an den Weihnachtsbaum. Er hat ja gleich gewusst, dass das mit dem feierlichen Weihnachten eine Schnapsidee war. Als dann aber auch noch ein Schneesturm aufzieht und Olga nicht zurückkommt, müssen die beiden improvisieren. Onnos alte Hose wird zum Baumersatz, das Silberbesteck zum Schmuck – auch mit wenigen Mitteln gelingt es den beiden, Feierlichkeit aufkommen zu lassen. Olga allerdings ist immer noch nicht da und jetzt gehen die beiden sie suchen. Sie ist eingeschneit worden. Aber zum Glück haben die drei ja Freunde – und die dürfen dann später, als alle zusammen feiern, sogar am Baum hängen.

Die Geschichten der kleinen „Familie“ auf ihrer Insel sind nie ohne Hintergrund, geschickt gelingt es, den Kindern etwas beizubringen, was fürs Leben wichtig ist. Wobei die Quintessenz immer die Gleiche ist: Freundschaft ist das Salz in der Suppe des Lebens.

Andrea Russo: Green Witch

[aartikel]3649670399:left[/aartikel]Elisabeth ist alt genug, um ihre vorgesehene Ausbildung zur Hexe zu beginnen. Der Hexenrat tagt, das Hexenbuch wird entscheiden, wer die eine ist, die Elisabeth alles lehren darf. So war es schon immer. So wird es auch jetzt wieder sein. Doch dann taucht plötzlich die junge, wilde Meerhexe Ava auf und meldet ihren Anspruch an. Denn so argumentiert sie, in Elisabeth Aurora Vermeer steckt mehr Meer als man zunächst glaubt. Als sich auch das Hexenbuch unsicher zeigt, entscheiden die Hexen und zwar für Camilla, die Kräuterhexe. Elisabeth zieht zu ihr – gemeinsam mit ihrer besten Freundin Stina, die sich deutlich mehr für Pflanzen interessiert als sie selbst, allerdings zunächst nichts davon ahnt, dass sie es mit Hexen zu tunt hat. Die beiden sind kaum auf dem Hof der alten Frau eingezogen, verschwindet Camilla und an ihrer Stelle erscheint eine Rafflesie. Tante Camilla wurde verzaubert und die seltene Pflanze, die nur einmal blüht und dann vergeht, lässt den Mädchen wenig Zeit, sie zu retten. Sie brauchen Hilfe – und Ava lässt sich nicht lange bitten.

Elisabeths Zerrissenheit, die Band der Freundschaft zwischen ihr und Stina, die erste kleine große Liebe mit all ihren Unsicherheiten und ein Generationenkonflikt – was die kleine Hexe erlebt, ist vom Alltag junger Mädchen nicht weit entfernt – und die phantasievolle und lustige Art und Weise, in der das Buch geschrieben ist, lässt es einen kaum aus der Hand legen. Stoff, der zum Weiterspinnen optimal geeignet ist – bleibt zu hoffen, dass weitere Bände folgen werden. Wunderbar auch zum Vorlesen geeignet.

Ross Welford: Der 1000-jährige Junge

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Alfie Monk ist unsterblich. Und so langsam geht ihm das auf den Geist. Seit 1000 Jahren ist er bereits 11 Jahre alt und er findet, erwachsen werden wäre langsam mal an der Zeit. Auch, weil er es satthat, immer wieder seine Freunde zu verlieren. Mit Aidan und Roxy möchte er endlich alt werden. Das allerdings heißt, dass er sich zum einen aus seinem bisher sehr abgeschotteten Leben der modernen Welt stellen und zum anderen die Lebensperle finden muss, die es ihm ermöglicht, seine Unsterblichkeit zu beenden. Doch hinter dieser Livperler sind noch ganz andere her.
Die Geschichte ermöglicht einen neuen Blick auf Dinge, die für uns alle bereits selbstverständlich sind und erzählt gleichzeitig von früher. Das Abenteuer, das Alfie und seine Freunde erleben, ist manchmal traurig, manchmal witzig, manchmal ein bisschen grausam, aber immer spannend.
Geeignet für Kinder ab 9 Jahren (sowohl Jungs als auch Mädchen)

Anne Ameling/Günther Jakobs: Hektor spielt nicht mit Mädchen!

[aartikel]3649628929:left[/aartikel]Der kleine Igel Rocky hat ziemlich genaue Vorstellungen davon, was Jungssache und was Mädchenkram ist. Und natürlich ist Wölfchen Hektor da ganz seiner Meinung. Theoretisch zumindest, denn praktisch würde ihm das schon durchaus mal gefallen, was die Mädels da spielen. Aber das traut er sich nicht zu sagen. Die Mädchen, eine Eule und ein Eichhörnchen allerdings lassen sich diese Vorurteilerei nicht gefallen und zeigen Rocky bei einem überraschenden Fußballspiel, was sie können …
Es ist sicher keines der absoluten Highlights der Saison, aber es ist gut, dieses Bilderbuch. Denn gerade Jungen tun sich heute besonders schwer, ihre Rolle zu finden. Und die Umwelt macht es ihnen nach wie vor nicht leicht. Ein Mädchen, das mit Autos spielt? Wunderbar. Ein Junge, der den ganzen Tag eine Babypuppe rumträgt – hmmmm, da kommt schon mal ein Spruch. Das Schöne an diesem Buch ist die Herangehensweise ans Thema: unaufgeregt und nicht polarisierend – optimal geeignet auch für Kindergärten und ähnliche Einrichtungen. Am besten ist der Wolfsvater, der – auf Hektors Hinweis hin, dass Schmetterlinge ja wohl Mädchenkram seien – nur lapidar antwortet: Schmetterlinge sind Schmetterlinge. Und am Schluss spielen alle alles: Jungskram und Mädchenkram, Eichhörnchenkram, Wolfskram, Igelkram und Eulenkram und am allerliebsten Schmetterlingskram.

Kai Lüftner, Wiebke Rauers: Furzipups, der Knatterdrache

[aartikel]3649626144:left[/aartikel]Furzipups, der Knatterdrache hat ein Problem, denn während die anderen Drachenkinder alle Feuer spucken können, kommt bei ihm nur heiße Luft.
Schaut man sich im derzeit aktuellen Angebot der Verlage mal ein bisschen um, dann fällt eines ganz besonders auf: Das Pupsen ist ein Riesenthema in diesem Jahr. Und auf jeden Fall eines, was bei der Zielgruppe der Kindergartenkinder, vor allem, wenn sie männlich sind, besonders gut ankommt. Kaum einer kann so über das Entweichen von Körperluft und den dazugehörigen Geruch so lachen wie vier- bis fünfjährige Jungs. Denen kommt ein Buch wie dieses, das auch noch einen Furzbutton hat, doch gelegen – sollte man meinen. Aber leider – und man weiß nicht, liegt es am gequälten Geräusch des eingebauten Buttons oder doch eher an den Reimen, die dermaßen hingebogen wurden, dass man sie nicht mal mehr schön vorlesen kann … Es könnte auch daran liegen, dass die Geschichte nicht stimmig ist. Denn ob der Rat, sich einfach ins Bett zu legen und den Flatulenzen freien Lauf zu lassen, wenn man anders ist als andere und darunter leidet, wirklich pädagogisch wertvoll ist, bleibt anzuzweifeln. Da hilft es leider auch nicht mehr, dass der Drache eigentlich ganz süß gezeichnet ist – denn auch eigentlich ist eine Einschränkung. Aus dieser Geschichte wäre deutlich mehr rauzuholen gewesen.