Remo H. Largo/Monika Czernin: Jugendjahre – Kinder durch die Pubertät begleiten

Die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor den älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten sollte. Die jungen Leute stehen nicht mehr auf, wenn Ältere das Zimmer betreten. Sie widersprechen ihren Eltern, schwadronieren in der Gesellschaft, verschlingen bei Tisch die Süßspeisen, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer – so sah es schon Sokrates. Und wenn man das Ganze noch durch die bösen Computerspiele und das Komasaufen ergänzt, hat man doch gleich mal das Pubertier von heute. Remo H. Largo ist durch seine Bücher „Babyjahre“ und „Kinderjahre“ dafür bekannt, dass er relativiert. Dass er Eltern hilft, nicht hereinzufallen auf reißerische Schlagzeilen und Buchtitel, auf das „So-hat-Ihr-Kind-zu-sein“-Blabla. Und auch in diesem Buch rückt er Dinge ins rechte Licht, weckt Verständnis für die Lebenssituation, in der Jugendliche sich gerade befinden und schärft den Blick dafür, dass es auch an uns Eltern liegt, diese Phase gut mit unseren Kindern zu bestehen, um aus diesen verantwortungsvolle Erwachsene zu machen, die trotzdem nicht nach jeder Pfeife tanzen. Nur leider … eignet sich der Titel nicht als Hörbuch. Wenn überhaupt, dann vielleicht zumindest mit den Original-Stimmen der beiden Autoren, wobei die Rolle von Monika Czernin nicht ganz klar wird.
Was allerdings nicht funktioniert ist das bloße Vorlesen. Denn die Bücher Largos sind keine von der Sorte, die man in einem Rutsch durchliest. Sie eignen sich eher dafür, sie immer mal wieder zur Hand zu nehmen, darin zu blättern und sich neues Wissen anzueignen, sich auch mal bestätigt zu fühlen oder seine eigene Ansicht von einer anderen Seite zu beleuchten. Einen Track nach dem anderen zu hören, nimmt dem Buch das, was es eigentlich ausmacht. Wobei der Sprecher, Helge Heynold, es nicht wirklich besser macht. Und das ist schade. Sehr schade.

Heidemarie Brosche: Jungs-Mamas

Das ist doch das perfekte Buch, denkt man, wenn man einen Jungen zuhause hat, der einem oft wie ein Wesen von einem anderen Stern vorkommt. Schließlich ist ein Sohn doch die optimale Möglichkeit, um Männer im allgemeinen besser verstehen zu lernen. Die Autorin schreibt über die Ängste und Sorgen, die wilde Jungs (seit wann sind alle Jungs wild?) mit sich bringen, die Schwierigkeiten in den Institutionen, die nicht auf die Bedürfnisse von bewegungsfreudigen Buben ausgerichtet sind (Okay, da hat sie definitiv recht) und die Anforderungen, die auf uns Mütter zukommen, wenn wir einen zukünftigen Mann erziehen wollen. Die Autorin ist Mutter von drei Söhnen und darauf ist sie auch stolz. Das merkt man. Kann sie auch. Was sie aber nicht tun sollte, ist dauernd unterschwellig Mütter mit Töchtern in eine andere Ecke stellen. Oder auch solche Mütter, die beide Geschlechter erziehen. Und was sie auch nicht tun sollte, ist allen anderen das Gefühl geben, sie hätte die Wie-erziehe-ich-einen-Jungen-richtig-Weisheit mit Löffeln gegessen, denn so wirklich die Beweise liefert sie dafür nicht. Und auch nicht immer gute Tipps – bestimmte Gespräche dem Vater überlassen? „Tolle Anregung“ vor allem für all die alleinerziehenden Jungs-Mamas, die ihren Söhnen alles sein müssen. Wenn laute Jungs nerven, soll man die Dankbarkeit nicht aus den Augen verlieren, sich darüber freuen, dass Zickenkriege erspart bleiben, Kosmetikexzesse ausbleiben und man nicht stundenlang shoppen muss – ganz ehrlich, das geht gar nicht! Stereotyper Quatsch mit extremem Schubladendenken. Ein Satz in diesem Werk heißt „Keine Ahnung, wie es bei Familien mit Jungs und Mädchen ist …“ Hmmmm, dem ist nichts hinzuzufügen!! Obwohl doch … hat die Mittelschullehrerin nur Jungs in ihren Klassen? Wenn nicht, dann … naja, auch dem ist nichts hinzuzufügen.

Felix Nattermann: Gebt den Kindern die Verantwortung zurück

Nachdem es inzwischen bereits Kindergärten gibt, die stolz darauf sind, den Eltern eine Dauerüberwachung ihres Kindes anbieten zu können und Helikoptereltern zur Gattung Otto Normalverbraucher zu zählen scheinen, nachdem es uns immer schwerer gemacht wird, ein Kind einfach laufen zu lassen (schicken Sie mal ein Kind nachmittags einfach so raus – zum einen ist da kein anderes Kind und zum anderen wird bald gemunkelt, man würde sich nicht anständig kümmern) und Handys es uns leicht machen, unsere Kinder auf Schritt und Tritt zu verfolgen -ist es inzwischen völlig normal, ein Kind in Watte zu packen. Aber so lernt es nicht, mit den Widrigkeiten des Lebens umzugehen. So lernt es nicht, sich selbst zu behaupten, ohne gleich nach Hilfe zu schreien und so ist es völlig hilflos, wenn es das erst Mal in die weiterführende Schule gehen soll – mit dem Bus oder mit der U-Bahn, ganz alleine.
Wir Eltern sind inzwischen Allround-Bespaßer, Kinderterminorganisierer und Bodygouard. Der Autor, ein Lehrer, fordert, die Kinder wieder zu mehr Selbstständigkeit zu erziehen. Und zwar nicht frei nach dem gängigen Motto: Wie haben wir damals nur ohne Helm überlebt?, sondern mit Herz und Verstand. Man muss sich ausprobieren dürfen, um herauszufinden, was man kann. Man muss mal durchhalten, wenn man feststellen will, wie gut es tut, etwas doch noch geschafft zu haben und man ganz wichtig: ein Kind muss ein Kind sein dürfen.
Unsere Aufgabe als Eltern ist es, dem Kind zu zeigen, dass es außerhalb von Handy, Tablet und PC noch eine Welt gibt, die genauso spannend sein kann. Eine Mammutaufgabe, der wir uns trotzdem stellen sollten. Eine gute Basis dafür bildet dieses Buch, denn nach seiner Lektüre hat man direkt Lust, den Rucksack zu packen und wandern zu gehen mit den Kindern.

w. Thomas Boyce: Orchidee oder Löwenzahn?

Wie unterschiedlich Menschen sein können, das wissen Mütter, die bereits mehrere Kinder zur Welt gebracht haben. Bereits im Bauch ist eines ganz empfindsam und das andere wehrt sich, wenn ihm was nicht passt, jeder Mensch kommt bereits mit seiner Grundpersönlichkeit auf die Welt – den Rest macht die Umwelt. Und hier kommen Begriffe ins Spiel wie Resilienz.
Der Autor, der die Menschheit grob gesagt in Löwenzahnpflanzen und Orchideen einteilt, ist Professor für Kinderheilkunde und Verhaltenspsychologie, also auf jeden Fall jemand, der weiß, wovon er spricht. Und der Studien zitiert, die staunen lassen. Der Beispiel bringt, die unter die Haut gehen und erklärt, was nicht immer auf den ersten Blick offensichtlich ist. Ein Buch, das nicht nur dabei helfen kann, die eigene Persönlichkeit besser zu verstehen, sondern das vor allem auch dabei helfen kann, die Persönlichkeit des eigenen Kindes zu unterstützen und so in Bahnen zu lenken, die dem Kind guttun – auch dann, wenn wir es von außen vielleicht nicht immer verstehen.

Die Droge Verwöhnung

Prof. Dr. Jürg Frick von der Pädagogischen Hochschule Zürich weiß, was Verwöhnung bei der Erziehung bedeutet und welche Folgen sie hat. Denn die entscheidende Frage in der Erziehung ist immer: Wie viel darf und muss ich auch einem Kind abverlangen, was kann ich ihm zumuten, damit eine gesunde Entwicklung möglich wird? Denn ein Kind muss gefordert werden. Weder ein zu strenger, noch ein zu laxer Erziehungsstil mit Dauerverständnis führen zu einem gesunden Ergebnis.

Es ist Jürgen Frick ein Anliegen, dem Leser nahezubringen, dass Verwöhnung verheerende Folgen haben kann. Er spricht gar von einer „subtilen Form des Kindesmissbrauchs“. Doch woher sollen die Eltern das wissen? Sie meinen es ja nur gut und auch in Fachkreisen war in den letzten Jahrzehnten kaum mal die Rede davon. Overprotection gab es zwar – aber das trifft es nicht zu 100 Prozent.

Das Verwöhnen zeigt sich in vielen Aspekten des Alltags. Das kann sein, dass die Eltern dem Kind zu wenig zutrauen und ihm möglichst alles abnehmen, es überbehüten (Helikoptereltern), es mit Materiellem und Immateriellem (wie z.B. Zuneigung) überhäufen, von ihm keine Anstrengung erwarten, es über Gebühr loben, es verhätscheln und ihm keine Grenzen setzen. Jeder von uns wird sich in irgendeinem der Punkte mal wiederfinden. Denn die Grenzen sind fließend.

Zudem gibt es klassische (Lebenssituationen), in denen es schnell zu verwöhnenden Mustern kommen kann: Trennung, nach Krankheiten oder Unfall, bei Zeitdruck oder unter Beobachtung – das kann auch mal okay sein, darf aber nicht zum Dauerzustand werden. Denn: „Das Beste, was eine gute Fee einem Kind in die Wiege legen kann, ist eine Menge Probleme oder Aufgaben – sie sollen nicht zu leicht sein, damit sich das Kind anstrengen muss (…) und sie sollten auch nicht zu schwer sein, weil sonst das Kind wiederholt scheitert und entmutigt wird.“

Aber das Gute ist und das gilt ja prinzipiell für jeden Fehler, der uns in der Erziehung bewusst wird: Wir können es anders machen. Und damit schnell etwas bewirken.

Brichzin/Kuprin: Der Junge im Rock

In einem Rock bekommen die Beine Luft und das findet Felix schön. Seine Mama und sein Papa haben dafür Verständnis, andere nicht. Sie finden das komisch, wenn ein Junge Röcke und Kleider mag. Sie tuscheln hinter Felix Rücken. Und die anderen Jungs wollen nicht mehr mit ihm spielen. Felix ist nicht mehr glücklich, Felix ist traurig. Doch da hat Papa eine tolle Idee …

Dieses Bilderbuch ist mutig. Und total cool. Es ist eine Geschichte über Toleranz, Verständnis, über Respekt und die Tatsache, dass jeder so leben soll, wie er möchte. Und es ist eine Geschichte, die zeigt, wie wichtig für ein Kind die Liebe der Eltern als Rückhalt ist. Auch und gerade, wenn man eben nicht so ist wie die anderen. Individuell eben. So als Individuum.

Alexandra Karr-Meng: Kinder achtsam erziehen

Wut und Geschrei aus dem Familienalltag verbannen, das ist das Hauptziel dieses Buches. Es darauf zu reduzieren, wäre zu wenig. Die Autorin ist Eltern-Coach und beschäftigt sich Tag für Tag mit dem so modernen Thema „Achtsamkeit“. Was letztendlich im Bereich Erziehung Ruhe, Respekt und Wertschätzung bedeutet. Sie bietet Lösungen, die für den Alltag geeignet sind, zeigt, welche klaren Regeln wichtig sind und wie die klassischen Stresssituationen entstehen.

Viele Eltern erwarten eine ganze Menge von ihren Kindern bzw. können nicht nachvollziehen, warum sie von der Persönlichkeit her einfach so anders sind als sie selbst. Aber Menschen kommen bereits mit einem eigenen Charakter auf die Welt und hinzu kommt, dass wir Erwachsenen viele Situationen völlig anders einschätzen als die Kinder selbst. Manchmal ein Drama machen, wo keines notwendig ist und manches herunterspielen, das mehr Aufmerksamkeit bräuchte.

Gemeinsam gut durch den Gefühlsdschungel zu kommen, ist eine der Hauptaufgaben in der Erziehung. Hier der Fels in der Brandung zu bleiben und trotzdem für das Kind da zu sein, wenn notwendig – keine leichte Aufgabe. Die sich zum Beispiel mit guten Geschichten einfacher bewältigen lässt. Tipps wie diese sind genauso sinnvoll wie die Achtsamkeitsübungen und die Erklärungen, warum typische Situationen entgleist sind. Ein sinnvolles Buch für alle, die sich täglich mit Kindern beschäftigen. Und eines, das aus den Unmengen von Eltern-Ratgebern durchaus heraussticht.

Michael Schulte-Markwort: SuperKids

Jeder will nur das Beste für sein Kind, keine Frage. Doch der Druck von außen wird immer stärker. Ein normales Kind scheint heute schon kaum mehr etwas wert zu sein, dauernd wird um die Kinder herumgekreist, keinen Konflikt dürfen sie mehr alleine lösen. All das sieht auch der Kinder- und Jugendpsychiater Professor Dr. Schulte-Markwort. Im Interview auf Eltern.t-online.de findet er: Wir dürfen unsere Kinder nicht verbiegen wie Marshmallows.

Michaela Schonhöft: Kindheiten

Dieses Buch der Sozialwissenschaftlerin und Journalistin beleuchtet, wie kleine Menschen in anderen Ländern groß werden. Sie ist, teilweise auch mit ihren Kindern, durch die Welt gereist, um von den Erfahrungen anderer zu lernen. So bekam sie den Background, zusammenzufassen, wie Kinder in anderen Ländern der Erde aufwachsen, welche Rolle die Verbundenheit mit der Natur spielt und welche weltweit die Disziplin. Eltern wollen glückliche Kinder, aber sie wollen auch, dass diese glücklichen Kinder glückliche Erwachsene werden, die in der Lage sind, sich in der Gesellschaft zurechtzufinden. Dafür sehen die einen strenge Bildung als gutes Fundament, andere das freie Entfalten des kindlichen Spiels. Schwierig wird es vor allem dann, wenn man selbst seine Kinder anders erzieht, als es in dem jeweiligen Land üblich ist.

Letztendlich kommt Schonhöft zu keiner neuen, aber einer gut zusammengefassten Wirklichkeit: Kinder brauchen Nestwärme, sie brauchen ein „Dorf“, man sollte ihnen Zeit schenken, ihnen eine eigene Meinung lassen und sie an Bildung und soziale Kompetenzen heranführen. Letzteres am besten durch Vorbild. Und schon hat man, was alle wollen: einen neuen glücklichen Menschen für diese, unsere Welt.

Ein wunderbarer Überblick und ein toller Trost für Eltern, die liebevoll aus dem Schema ihrer Umgebung fallen!
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