Dani Atkins: Sag ich, ich war bei den Sternen

Dani Atkins ist ein Garant für gute Geschichten, ihr Buch „Sieben Tage voller Wunder“ ist eines der lesenswertesten Bücher überhaupt, und auch dieses Buch lässt sich gut an. Die ersten hundert, zweihundert, dreihundert Seiten … aber dann merkt man, dass das Buch langsam zu Ende geht und wartet auf die Kehrtwendung der Kehrtwendung, die die Bücher der Frau Atkins so gut sein lassen und dann passiert … nichts. Das mag gespoilert sein, muss aber der Fairness halber gesagt werden. Für alle, die einfach nur mal wieder einen rührenden Roman lesen wollen, über eine Frau, die jahrelang im Koma lag und beim Aufwachen ihre Welt nicht mehr so vorfindet, wie sie sie verlassen hat, über die Kraft von Frauen unter sich und über ein Kind, das zwischen zwei Mummys steht, etwas Rührendes halt … der wird auf seine Kosten kommen. Wer aber Spektakuläres erwartet, wird enttäuscht sein.
Dabei hätte diese Geschichte so viel Potenzial gehabt. Wer lag wirklich im Koma, wessen Welt ist nicht mehr die, die sie einmal war? Wer hat sich die Welt nur so gemacht, wie sie sein sollte? Und welche Rolle spielt Ryan? Es ist direkt ärgerlich, all diese Möglichkeiten vor Augen zu haben und dann mit so einem Ende abgespeist zu werden. Bleibt nur zu hoffen, dass sich die Autorin beim nächsten Buch vielleicht ein bisschen mehr Zeit lässt, ihre Story vorher zu durchdenken. Und wieder kleine schriftstellerische „Wunder“ schafft.

Anstey Harris: Find mich da wo Liebe ist

Grace ist eine komplett traumatisierte junge Frau, die sich selbst nur im Weg steht. Und die nicht in der Lage ist, anständige Bindungen einzugehen. Weder mit einem Mann (ihr Lover ist nicht nur verheiratet, er kommt sogar aus einem anderen Land), auch Freunde hat sie eigentlich nicht und wenn sich jemand ihr seelisch nähert, macht sie dicht.
Sie lebt zurückgezogen in einem kleinen Dorf, repariert dort mit Leidenschaft Musikinstrumente und drückt sich gelungen darum, sich sich selbst und den Geistern ihrer Vergangenheit zu stellen. Doch durch die Verkettung ungünstiger Umstände kommt die Affäre von Graces Liebhaber heraus und plötzlich ist nichts mehr wie es war. Grace muss sich nicht nur einem absoluten Neuanfang stellen, sondern auch den Geistern ihrer Vergangenheit. Doch zum Glück hat sie Menschen um sich herum, die ihr helfen, ihren Weg zu finden.

Wenn man ein Buch sucht, bei dem man nicht mitdenken muss, das einfach vor sich hinplätschert und das man zu jeder Zeit weglegen kann, dann ist dieses Buch genau das Richtige. Denn viel Tiefgang hat es nicht, obwohl es an Dramatik und Situationen, die teilweise schon sehr überzogen sind, nicht mangelt. Das Cover ist toll, die Grundmessage auch, aber die Umsetzung hätte etwas mehr Tempo durchaus vertragen können.

Jutta Wilke: Roofer

Die erste Reaktion der von uns befragten Zielgruppe auf das Cover war: Cool.
Und damit ist eigentlich alles gesagt, denn „Roofer“ trifft den Nerv. Im wahrsten Sinne des Wortes. Denn das ist es, was sie wollen, die Extremkletterer, die ohne Sicherung die Stadt unsicher machen, das Ganze dann filmen und mit den Klicks im Netz die Bestätigung bekommen, die sie suchen.

In diesem Jugendroman geht es genau um eine solche Gruppe von Jugendlichen: Um Alice, die durch ihre Freundin Nasti in eine Rooferszene gerät. Um die Familienhintergründe, die unter anderem dazu geführt haben, um Ängste, die überspielt werden, um Mutproben und Liebesbeweise und darum, wie es sich anfühlt, wenn andere etwas von einem verlangen, das man eigentlich nicht bereit ist zu geben. Erinnert fast ein bisschen an „Denn sie wissen nicht, was sie tun …“
Das Thema selbst ist schon fesselnd, aber wirklich packend wird das Buch erst durch seinen Aufbau: die wechselnde Erzählperspektive, der doch relativ kurze Zeitraum und die Authentizität der Charaktere überzeugen den jugendlichen Leser. Genau wie der auf die Zielgruppe zugeschnittene Schreibstil. Besonders gelungen ist die Rückblende, die erzählt, wie es zum Heute kam, die dabei doch viele Fragen offen lässt und damit dem Leser die Möglichkeit gibt, das Ganze weiterzudenken und seine Schlüsse daraus zu ziehen.

Mhairi McFarlane: Sowas kann auch nur mir passieren

Titel und Cover deuten in erster Linie mal auf eines hin: auf Entspannung. Hier sind keine Gruselclowns zu erwarten, die hinter irgendwelchen Ecken vorspringen, keine seelischen und/oder körperlichen Grausamkeiten, kein Hinweis auf das Leid der Welt. Kein Wunder also, dass mir diese Buch im Rahmen eines frauentypischen Wellnesstages gleich ganze drei Mal begegnet ist. Interessant aber, dass es schnell zum Gesprächsstoff wurde und zwar mit den Worten: Sie müssen da ein wenig durchhalten – es wird besser. Gut, dass man mir das gesagt hat, denn sonst hätte ich nach den ersten 100 Seiten tatsächlich aufgegeben. Und das wäre schade gewesen, denn im Lauf der Zeit entwickelte die Geschichte tatsächlich die erwartete Dynamik. Schön kitschig, auch mal witzig und auf jeden Fall gut, um vom Alltag abzuschalten.

Guillermo del Toro: The Shape of Water

Wir Menschen glauben immer besser zu sein als die anderen Wesen. Wir glauben sie zu kennen, das Recht zu haben, sie zu erforschen. Und zu quälen. Doch nicht jeder will das hinnehmen. Elisa jedenfalls kann es nicht, als sie merkt, wer im Labor, in dem sie putzt, gefangen gehalten wird. Grausam gefangen gehalten wird. Es ist ein Wesen, halb Mann, halb Amphibie und es hat Gefühle. Die beiden nähern sich an, heimlich. Nicht einmal Elisas beste und einzige Freunde wissen davon, spüren nur, dass etwas nicht stimmt mit ihrer Freundin. Der Frau, für die Schuhe Freiheit bedeuten und die nicht auf herkömmliche Weise sprechen kann.
Als sich die Situation im Labortrakt F-1 zuspitzt, beschließt Elisa, alles zu riskieren, um die Liebe ihres Lebens zu retten.

Kitschig, mag man zuerst denken. Aber kitschig ist dieses Buch überhaupt nicht. Stattdessen zeichnet es spannende Psychogramme der einzelnen Protagonisten, führt Stränge zusammen und öffnet Fantasie-Tore. Das hat auch Hollywood bemerkt und die Geschichte verfilmt.

Tim Sohr: Für immer und Amy

Flemming Hansen mag Frauen nur, solange sie keinen Wert darauf legen, sich zu binden. Dann aber kann er sie echt gut leiden. Vor allem auf körperlicher Ebene – denn alle anderen Ebenen verschließt er vor dem weiblichen Geschlecht. Grund für seine Beziehungsunfähigkeit ist Amy, seine erste große Liebe, die er bei einem Austausch in die USA getroffen und seitdem nie wieder vergessen hat. Je älter Hansen wird, desto öfter macht er sich Gedanken darüber, was mit ihm nicht stimmt und als er glaubt, Amy gesehen zu haben, dreht er halb durch. Er will sie wiederfinden und mit ihr das Glück der Beständigkeit. Aber, wie nennt es Amy? Timing ist eine bitch. Und letztendlich ist sie es, die diese Wahrheit zu spüren bekommt.

Das Cover wirkt leicht, die Story interessant – schließlich haben doch die meisten von uns irgendwo eine Liebesleiche im Keller, die sie nicht loslässt – aber irgendwie erfüllt das Buch die Erwartungen nicht. Ein Liebesroman ist es nicht, was anderes aber auch nicht. Es liegt irgendwo dazwischen und genauso fühlt man sich auch, wenn man die Lektüre (endlich) beendet hat: irgendwo dazwischen. Zwischen der Sympathie für Amy, bei der Antipathie mitschwingt und dem Mitlied mit Hansen, der keines verdient. Und auch gar keines braucht.

Das erste Buch des Autors „Woanders is‘ auch scheiße“ war deutlich besser.

Dani Atkins: Sieben Tage voller Wunder

Hannah steckt in einer Liebes- und Lebenskrise, die sie versucht, bei ihrer Schwester in Kanada zu bewältigen. Als sie zurück nach Hause fliegt, ist sie zwar immer noch nicht schlauer – aber immerhin schon wieder zu einem kleinen Flirt bereit. Er schaut ja auch zu gut aus, dieser Mann, der ihr auf dem Flughafengelände immer wieder auffällt. Doch leider verliert sie ihn aus den Augen. Ihr Sitzplatz im Flieger ist alles andere als optimal – eingekeilt zwischen einem Kleinkind und einem ziemlich übergewichtigen Mann – und das Personal hat Mitleid mit ihr. Aufgrund von Verspätungen sind einige Plätze im hinteren Bereich des Fliegers frei geblieben und sie darf sich dort hinsetzen. Wo sie auch den charmanten, gut aussehenden Mann wiedertrifft und zwar genau in dem Moment, in dem das Flugzeug in heftige Turbulenzen gerät.
Sie stürzen ab und sind, zumindest da, wo sie gelandet sind, die einzigen Überlebenden – in einer einsamen Wildnis ohne große Hoffnung, schnell gefunden zu werden. Die beiden müssen sich durchbeißen und Logan wird eine Riesenstütze für Hannah. Er motiviert sie, wenn sie kurz davor ist aufzugeben, er weiß, wie man Feuer macht und Wölfe verscheucht – doch als die Rettung naht, ist er nicht aufzufinden …

Dieser Roman ist ein echter Dani Atkins. Es ist genau diese Art von Geschichte, die nur wenige Autoren hinbekommen: die richtige Story, Wendungen, die nicht nur einmal, sondern gleich mehrmals mit einem U-Turn überraschen und eine Schreibweise, die einen sofort, ab der ersten Seite in den Bann zieht. Ähnlich des Debüts der Autorin sollten dieses Buch all diejenigen lesen, die es mögen, wenn sich die Achsen ihrer Welt verschieben.
5.0 Stars (5,0 / 5)

Sonne im Bauch

“Eine Geschichte über die Liebe“ ist der Untertitel dieses Bilderbuchs, in dem sich das kleine Eichhörnchenjunge Toni fragt, was das eigentlich ist, die Liebe. Und weil die Eltern wieder einmal mit den kleinen Geschwistern beschäftigt sind, macht sich Toni auf den Weg zu Sokrates, der weisen alten Eule. Die entdeckt in ihm den Philosophen-Nachwuchs und nimmt sich Zeit für die Beantwortung der Frage. Langsam tasten sich die beiden an die Liebe heran. Wie fühlt sie sich an, wann taucht dieses Gefühl nach Sonne im Bauch auf, welche verschiedenen Formen der Liebe gibt es, wie zeigt man Liebe am besten? Toni lernt, wie wichtig es ist, so geliebt zu werden, wie man ist.

Die Aufmachung und Gestaltung des Buches zeugt auch von Liebe und zwar von einer Liebe zu Bilderbüchern und davon, dass die Macher wissen, welche (Bild-)Sprache Kinder brauchen. Etwas irritierend ist das Rezept hinten im Buch, den Kindern erschließt sich der Zusammenhang nicht recht – aber ein gutes Sonnenpfannkuchenrezept kann man ja immer brauchen.
3.5 Stars (3,5 / 5)

Mandy Hubbard: Wie ich in High Heels durch die Zeit stolperte


Man tut sich schon etwas schwer, seine Vorurteile im Zaum zu halten, wenn man dieses Buch von außen betrachtet: Der Name der Autorin, die Aufmachung, das ganze Ganze lässt einen ein bisschen daran zweifeln, ob hier wirklich lesenswerte Literatur dahintersteckt: Aber, es ist nicht schlecht, diese typische Mädchenbuch. Die Geschichte dreht sich um Callie, die sich ihre Klassenfahrt nach London ein wenig anders vorgestellt hat. Dass sie zusätzlich eine „kleine“ Zeitreise ins 19. Jahrhundert unternehmen würde, das hätte sie sich niemals träumen lassen. Aber sie hat Glück und wird verwechselt. Und daher herzlich aufgenommen im Herrenhaus zu Harksbury. Dessen Hausherr ihr durchaus gefällt. Er ist arrogant, aber ziemlich gutaussehend. Die Verwirrungen um das Mädchen aus dem 20. Jahrhundert lassen nicht lange auf sich warten.
Muss man nicht gelesen haben. Klar. Aber es ist ein netter Zeitvertreib. Nichts tiefgehendes. Aber zwischen Shakespeare und Sartre kann man es schon mal einschieben, wenn man 15 ist – zur Entspannung.
3.4 Stars (3,4 / 5)

David Levithan: Letztendlich sind wir dem Universum egal

A ist eine reisende Seele. Jeden Morgen wacht er in einem anderen Körper auf, immer seinem Alter entsprechend, immer im gleichen regionalen Umfeld. Er hat sich in sein Schicksal gefügt, hinterfragt es nicht wirklich, findet es manchmal schade, dass er nicht bleiben kann, meistens ist es ihm egal. Neuer Morgen, neue Persönlichkeit. A hat sich entschieden, das Leben derjenigen, die er „bereist“, nicht wirklich zu beeinflussen, einfach einzutauchen und möglichst wenig aufzufallen. Das geht bis zu dem Tag, als er als Justin wieder aufwacht und dessen wichtigste Erinnerungen abruft. Der unsensible Junge hat eine ganz zauberhafte Freundin und zum ersten Mal gelingt es A nicht, sich zurückzunehmen. Er verbringt – als Justin – den Tag so, wie er ihn mit Rhiannon verbracht hätte. Was zur Folge hat, dass sie spürt, dass hier etwas nicht stimmt. A hat sich verliebt und lässt keine Gelegenheit aus, Rhiannon wiederzusehen. In allen möglichen Gestalten. Sie beginnt, ihn zu erkennen. Diese Liebesgeschichte ist der eine Strang der Erzählung. Nathan, ein von A „besessener“ Junge, der glaubt, der Teufel wäre in ihn gefahren, der andere. Und beide werden vom Autor sehr einfühlsam und ohne große Tragik zusammengeführt.

Man kann nicht anders, als beim Lesen immer wieder innezuhalten und sich zu fragen, was man selbst tun würde. Als A, als Rhiannon, aber auch als Nathan. Und man muss sich selbst die Frage stellen, wie man mit einer solchen Situation umgehen würde, ob man wirklich die Größe hätte, die A beweist…

„Letztendlich sind wir dem Universum egal“ ist ein ganz wunderbares Jugendbuch über Identität, Persönlichkeitsentwicklung und das Ausdrücken von Gefühlen. Eines, das absolut zu Recht Gewinner des Deutschen Jugendliteraturpreise 2015, Kategorie Jugendjury ist!

Die Geschichte ist übrigens aus As Sicht geschrieben, doch man kann sie auch aus Rhiannons Sicht lesen. „Letztendlich geht es nur um dich“ heißt die Fortsetzung, die eine solche eigentlich gar nicht ist. Denn etwas Neues wird der Leser nicht erfahren. Nur eine andere Sichtweise. Aber das haben wir ja von A gelernt, das ist auch schon eine ganze Menge wert.
5.0 Stars (5,0 / 5)