Giuliano Ferri: Der kleine Vampir verliert seine Zähne

Der kleine Nachwuchsvampir findet richtig viel Gefallen daran, anderen Angst und Schrecken einzujagen. Sein Ziel: einmal der gefürchtetste Vampir aller Zeiten zu werden. Doch eines Tages verliert er seine Fangzähne und aus ist es mit dem Erschrecken der anderen. Denn fürchterlich sieht anders aus. Doch keiner der anderen Vampire nimmt ihn ernst, sie versuchen ihn nur, zu beschwichtigen. Die Zähne würden schon wieder wachsen, seien ja nur die Milchzähne gewesen. Doch das tröstet den kleinen Vampir üüüüberhaupt nicht. Was ihn allerdings nicht nur tröstet, sondern ihm auch eine wichtige Erkenntnis beschert, ist die Reaktion der anderen Tiere.

Die Grundgeschichte von Freundschaft ist letztendlich immer wieder die gleiche, aber umgesetzt ist die Thematik hier besonders schön und vor allem extrem phantasievoll. Man kann ihn sich richtig vorstellen, den kleinen Vampir, wie er sein Leben neu ordnen muss und dabei etwas wirklich Wichtiges lernt.

Bernard Villiot, Antoine Guilloppé: Mephisto

Mephisto ist ein schwarzer Kater und fühlt sich nicht wahrgenommen. Die Leute ignorieren ihn, halten ihn für einen Unglücksbringer, beschimpfen ihn als Essensdieb und schmissen Pantoffeln nach ihm, wenn er einer Katzenschönheit ein Liedchen sang. Der kleine Kater hat niemand, auf dessen Schoß er sitzen darf und von dem er gestreichelt wird, der sich freut, wenn er die Mäuse fängt und der ihm zu essen gibt. Irgendwann wird es dem Tier zu bunt und er verlässt die Stadt, sucht sich ein neues Zuhause. Tagsüber findet er es toll, aber nachts sucht ihn die Angst wieder heim. Die Erlebnisse waren zu dunkel. Doch eines Tages wendet sich das Blatt und die Menschen merken, dass sie Mephisto brauchen, dass keiner ein so guter Jäger ist wie er …

Das ist ein sehr beeindruckendes Buch, aber durch die Bedrohlichkeit seiner Zeichnungen und den Aufbau seines Textes alles andere als kleinkindgeeignet. Eher ein Buch für Erwachsene, für Menschen, die nach ihrer Rolle im Leben suchen, die Ängste mit sich herumtragen und sich verfolgt fühlen, die auf der Suche sind nach der inneren Blumenwiese mit den Schmetterlingen. Und für alle, die außergewöhnliche Bilderbücher lieben.

Simona Ciraolo: Komm kuscheln

Felipe stammte aus einer alten und berühmten Familie, die viel Wert darauf legte, gut auszusehen und sich stets vornehm zu verhalten. Anderen sollte man möglichst niemals zu nah kommen. Felipe ist ein kleiner Kaktus und er kann mit dem stolzen Gehabe seiner Verwandten nicht viel anfangen – er möchte viiiiel lieber in den Arm genommen werden. Eines Tages kommt jemand und die beiden kommen sich näher, aber dann platzt der Luftballon und alle schimpfen mit Felipe. Da haut er ab …

Diese Geschichte geht wirklich sehr zu Herzen, die Zeichnungen sind wunderschön und man kann gar nicht anders, als ganz stark Mitgefühl zu entwickeln für den kleinen grünen Kaktus, der letztendlich doch noch jemand findet, der von ihm in den Arm genommen werden möchte. Und es so richtig genießen kann.

Nicolas Barreau: Die Liebesbriefe von Montmartre – gelesen von Steffen Groth

33 ist Hélène erst, als sie stirbt. Und sie hinterlässt nicht nur einen kleinen Sohn, sondern auch einen todtraurigen Mann. Julien Azoulay ist Schriftsteller, leidet seit dem Tod seiner Frau unter einer Schreibblockade und versteht nicht, was sie von ihm wollte, als sie ihm das Versprechen abnahm, nach ihrem Tod 33 Briefe zu schreiben – für jedes ihrer Lebensjahre einen. Trotzdem tut er, was sie sich gewünscht hat. Er lässt ein Geheimfach in ihren Grabstein einbauen und hinterlässt dort die versprochenen Briefe, in denen er frei und offen von seinem Leben ohne sie berichtet, oder besser klagt.
Doch plötzlich verändert sich etwas. Er erhält Antwort, kleine Gesten und fast schon glaubt er, Hélène antworte ihm aus dem Jenseits …

Die Geschichte spielt zu großen Teilen auf dem Friedhof am Montmartre. Und wer schon einmal einen der alten Pariser Friedhöfe besucht hat, weiß, welches Flair dort herrscht. Nicolas Barreau ist ein Meister darin, diese Stimmung einzufangen und Steffen Groth ist ein Meister darin, Sie dem geneigten Hörpublikum näherzubringen. 450 Minuten, die von der ersten bis zu letzten Minute spannend, schön, romantisch und einfach rührend sind.

Akram El-Bahay: Wortwächter

Ein Summen als ob tausend Worte die Luft erfüllten – Tom hat eine besondere Gabe, von der er nur durch Zufall erfährt. Er ist in der Lage Lebensseiten zu lesen. Was das bedeutet, erlebt er zum ersten Mal, als er die Ferien bei seinem Onkel verbringen soll – ohne Internet, Fernseher und Co, dafür aber mit gefühlten tausend Büchern – und als genau dieser Onkel entführt wird. Um ihn zu retten, muss er gemeinsam mit dem Butler Will und seiner Neu-Freundin Josephine zahlreiche Abenteuer bestehen – im Reich der Dichter und Denker.
Dies ist eine der Geschichten, bei denen man von Anfang an spürt, dass sie durchdacht sind und zwar bis ins kleinste Detail. Man erfährt, eigentlich mehr so nebenbei, viel über berühmte Schriftsteller und ihre Werke, über Charaktere der Weltliteratur und die Besonderheiten, die Schriftsteller miteinander verbinden. Der rote Faden zieht sich durch all die 300 und irgendwas Seiten und keine davon ist langweilig. Dem Autor, dem Halbägypter Akram El-Bahay, ist es – und man muss sagen, wieder einmal – gelungen, ein Buch zu schreiben, das auch männliche Lesemuffel in seinen Bann ziehen kann. Einen Versuch ist es auf alle Fälle wert.

Peter Høeg: Durch deine Augen – gelesen von Frank Stieren

Simon kommt nicht klar, versucht sich das Leben zu nehmen, obwohl er doch eigentlich alles hat, was man sich wünschen kann. Sein Freund Peter versucht ihm zu helfen und nimmt Kontakt mit Lisa auf. Sie war die Kindergartenfreundin der beiden – was sie aber aufgrund tragischer Umstände vergessen hat – und leitet heute ein Labor, in dem Experimente stattfinden, die ganz tief ans Eingemachte gehen. Mithilfe von Hologrammen gelingt es ihr, in das Bewusstsein anderer einzusteigen und deren Erinnerungen zu erleben. Sie lädt Simon ein, sie zu begleiten und das, was er dort, in den Untiefen des Unbewussten, erlebt, ist, wie so vieles Unbewusste, grausam. Missbrauch, Krieg, Elend, Traurigkeit und immer wieder der Tod – es ist schwer auszuhalten. Und doch kommen sich Lisa und er näher bei dem Versuch, Simon zu retten. Simon, der mit ihnen damals, vor so vielen Jahren, in die Träume anderer gereist ist.

Peter Høeg, 1957 in Kopenhagen geboren, ist mit dem Roman „“Fräulein Smillas Gespür für Schnee““ zum internationalen Bestsellerautor geworden. Dieses Buch ist deutlich schwerer zu lesen bzw. zu hören. Und es besteht die Gefahr, dass der ein oder andere kapituliert anhand all der Grausamkeiten und seelischer Abgründe. Dabei lohnt es sich, dabeizubleiben. Was einem der Sprecher auch einfach macht, denn obwohl es durchaus leicht langatmige Passagen gibt, er überspielt das gekonnt.
Besonders erwähnenswert ist das Cover, das sowohl die Stimmung als auch den Inhalt des Buches perfekt wiedergibt.

Jay Asher, Carolyn Mackler: Wir beide, irgendwann

Dieser Roman ist nicht einer der neuesten, aber trotzdem erwähnenswert. Denn er zeigt mit einem äußerst interessanten Denkanstoß, wie kleine Veränderungen im Jetzt sich in der Zukunft auswirken könnten. Und dass es letztendlich an uns liegt, was wir aus unserer Zukunft machen.
Doch zurück auf Anfang: Josh und Emma geraten im Jahr 1996 an einen Facebook-Zugang. Zunächst verstehen sie nicht, was das sein soll, doch so langsam kommen sie dahinter, dass sie hier ein Fenster zur Zukunft öffnen können. Bedeutet das nun, dass man sich in sein Schicksal ergibt? Dass man womöglich das gleiche Schicksal auf verschiedenen Wegen erleidet oder hat man gar die Möglichkeit, etwas zu ändern? Josh und Emma wollen es herausfinden und lassen sich auf ein gefährliches Abenteuer ein.
Dass Facebook, Alexa und Co Segen bringen, das glauben heute nur noch die wenigsten. Und trotzdem gelingt es den meisten Menschen nicht, die Finger davon zu lassen. Ist es doch zu verlockend, sich das Leben so schön machen zu lassen … ist es das? Ist es das wirklich? Wer dieses Buch gelesen hat, wird vielleicht zumindest damit beginnen, sich über seinen Account Gedanken zu machen. Und das ganz ohne hochtrabende Diskussion über Daten und KI.

Mariam Gates: Gute Nacht Yoga

Dieses Buch, liebevoll illustriert von Sarah Jane Hinder, wirkt wie ein Kinder-Bilderbuch. Ist es auch. Aber es eignet sich nicht nur für Kinder, sondern auch für Erwachsene, die Freude an Yoga haben. Denn es erklärt die wichtigsten Figuren auf einfachste Weise und bietet einen Ablauf an, bei dem man sich gemeinsam mit den Yoga-Tier-Figuren auf die Nacht vorbereitet und der gerade vor dem Schlafengehen für die nötige innere Ruhe sorgt. Vor allem in Kombination mit der angebotenen Gute-Nacht-Meditation. Einzelne Elemente lassen sich aber auch prima in den Tagesablauf integrieren und sorgen so für Ruheinseln.

Als Kind gehörte Mariam Gates zu den „Lass-das-Licht-an-und-die-Tür-auf“-Schläfern. Heute schläft sie nach eigenen Aussagen schon, bevor der Kopf das Kissen berührt. Die Autorin besitzt einen Harvard-Master in Pädagogik und hat seit vielen Jahren Erfolg mit ihrem Kid-Power-Yoga-Programm.

Emily Suvada: Cat & Cole – die letzte Generation

Ein Panel, das dafür sorgt, dass man perfekt ist – das ist die Zukunftsmusik, die diese Dystopie schreibt. Krankheiten? Ausgelöscht! Makel? Gibt es nicht mehr! Der eigene Körper ist perfekt. Bis eine tödliche Seuche ausbricht, die zu Kannibalismus führt und die nur eine aufhalten kann: Cat. Sie ist die Tochter eines berühmten Genetikers, ein wahres Nachwuchstalent und anders als andere. Seit ihr Vater gekidnappt wurde, hält sie sich versteckt und während alle anderen in Bunkern leben, versucht sie sich über der Erde am Leben zu erhalten. Als das Versteckspiel immer komplizierter wird, taucht plötzlich Cole auf – und er bringt schlechte Nachrichten. Von nun an sind die beiden so verschiedenen Jugendlichen aufeinander angewiesen. Etwas, das Cat nicht leichtfällt …

Wenn man diesen Band gelesen hat, kann man den zweiten kaum erwarten. Der Spannungsbogen, den die noch junge Australierin Emily Suvada aufgebaut hat, ist auch nach über 400 Seiten noch ungebrochen. Die letzte Generation wird nicht die letzte bleiben, dank einer Protagonistin, die nicht nur ein Geheimnis in ihrer DNA versteckt, sondern die die Interessen aller über ihre eigenen stellt.

Jill Twiss/EG Keller: Ein Tag im Leben von Marlon Bundo

Marlon Bundo ist ein Kaninchen und wie sein Name schon verrät, ein äußerst schickes Kaninchen. Gepflegt. Gut aussehend. Und natürlich gut gekleidet. Der kleine Marlon wohnt mit seiner Familie auf dem Gelände des U.S. Naval Oberservatory, denn sein Großvater ist der Vizepräsident der Vereinigten Staaten. Marlon erzählt von einem ganz besonderen Tag, dem Tag, an dem er Wesley kennenlernt, das kuscheligste Kaninchen, das Marlon je zu Gesicht bekam. Noch nie hatten die beiden so viel Spaß, doch als sie heiraten wollten, fand das die fürchterliche Stinkwanze – selbst ernannter Anführer der Tiere – gar nicht gut. „Kaninchenjungs heiraten keine anderen Kaninchenjungs! Kaninchenjungs müssen Kaninchenmädchen heiraten.“ Davon ist die Stinkwanze fest überzeugt und will die Hochzeit verbieten. Denn Anderssein geht gar nicht. Diese Aussage führt dazu, dass die Tiere nachdenken, doch das Ergebnis dürfte der Stinkwanze nicht gefallen …

Marlon Bundo ist ein Bilderbuch, das mit anderen kaum vergleichbar ist. Es kommt harmlos daher, aber dahinter steckt eine ganze Menge. An Information, an Lehrreichem, aber auch an Gefühl. Well played.