Kerstin Werner/Petra Eimer: Die mutige Schneeflocke

Jeder von uns kennt das Gefühl: die Angst vor Neuem, etwas zu wagen, was man noch nie zuvor gemacht hat … und das Erfolgserlebnis, dieses Gefühl, wenn man es geschafft hat. So ging es auch einer kleinen Schneeflocke, die ängstlich auf dem Schoß ihrer Wolkenmutter saß und sich nicht traute zu hüpfen. Kein Wunder, konnte sie doch nicht sicher sein, ihre Mama je wiederzusehen, wenn sie sich einmal auf die Erde begab. Als die Mutter ihr den Wasserkreislauf erklärt hat, war die logische Konsequenz: Warum soll ich überhaupt runter, wenn ich eh wieder hochkomme. Doch die Mutter konnte sie überzeugen und das, was die kleine Schneeflocke auf der Erde erlebte, war wundervoll. Sie brachte Kinder zum Strahlen, war Teil eines Schneemanns und nach dem Tauwetter flog sie wieder hoch, in anderer Form, reifer und doch die selbe.
Natürlich wird so ein Buch nicht ohne Hintergrund geschrieben. Die Autorin ist NLP-Coach und die Message ist klar: Nicht verzagen, einfach wagen!

Ein Buch, das sich für viele Lebenslagen eignet, man denke nur mal an die Pubertät. Ganz süß ist die Häkelanleitung für eine kleine Schneeflocke, sie ist so einfach, dass man sie mit dem Kind oder Jugendlichen gemeinsam gestalten kann.

Ann-Kristin Gelder: ON-OFF

Die ziemlich kaltblütig und berechnend wirkende 17-jährige Nora arbeitet für eine Firma, die langfristig eine spektakuläre Idee vermarkten will – der Technologiekonzern NGS arbeitet daran, Menschen zu verlinken, denn so könnte der eine zum Beispiel den Thrill eines Freeclimb-Kletteres erleben, während der andere einfach nur im Sessel rumsitzt und die gleichen Emotionen verspürt. Doch der Konzern geht für seine Forschungen über Leichen und das merkt Nora erst, als sie sich in eine ihrer Zielpersonen verliebt. Was das Paar daraufhin erleben muss, ist Horror pur. Und zwar im Detail beschrieben.
Es handelt sich hier um ein Jugendbuch und so startet es auch. Die intimen Szenen sind etwas sehr detailliert, die Szenen, in denen die Chefs von NGS ihre gesamte sadistische Brutalität rauslassen auch – muss man mögen. Für jüngere Jugendliche ist es noch nicht geeignet, denn selbst, wer Dystopien mag, dürfte mit einer solche bestialischen Morderei leicht überfordert sein. Auch ist die Geschichte in sich nicht ganz schlüssig. Zu wenig herausgearbeitet wird zum Beispiel die Beziehung zwischen Tom und Rebecca, die im Koma liegt und mit Tom synchronisiert ist, oder auch die Frage, warum sich eigentlich sowohl die Familie von Alex als auch die von Nora so gar nicht darum zu kümmern scheint, was mit den beiden ist. Nicht schlecht das Buch, aber leider auch nicht wirklich überzeugend.

Corinna Leibig, Hans Hopf: Bin ich richtig?

Die Pubertät mit ihren Pubertieren, die angeblich in vermüllten Zimmerhöhlen vor sich hin mutieren ist doch sehr weit hergeholt. Viele Eltern sehen sie als Schreckgespenst, das sie bekämpfen müssen und dabei ist es nur eine Lebensphase wie viele andere auch. Und wie die meisten Lebensphasen ist auch die Pubertät mit vielen verschiedenen Formen der Trennung verbunden. Mit dem richtigen Blick darauf wird aus einem Schreckgespenst eine spannende Zeit – für die Eltern wie für die Kinder. Eine Zeit, die am Ende, wenn es gut läuft, dazu führt, dass man ein erwachsenes Gegenüber hat, das man respektieren kann – auch dann, wenn es nicht den Weg geht, den man vielleicht selbst so viele Jahre für das Kind vorgesehen hatte.
Aber natürlich kommen während dieser Phase bei den Jugendlichen viele Unsicherheiten auf. Fragen, die man sich nicht zu stellen traut, die einen aber umtreiben. Hier setzt dieses Buch an. Mit auf die Jugendlichen zugeschnittenem Layout – an manchen Stellen wirkt es wie das wirre Tagebuch von jemandem, der grad so gar nicht mit sich im Reinen ist und das dürfte auch der Zweck sein – werden kurz und knapp Fragen beantwortet.
Ein Buch, das in seiner Machart sicher nicht jedermanns Sache ist, das aber durchaus seine Zielgruppe finden könnte. Wobei Erwachsene hier sehr aufpassen sollten, dass sie nicht anbiedernd wirken, denn Teenager haben einen Sinn dafür, wer es ernst mit ihnen meint und wer nur so tut.

Prof. Dr. Markus Egert/Franz Thadeusz: Ein Keim kommt selten allein

Man mag es sich ja lieber nicht so ganz genau vorstellen, das ist ähnlich wie mit dem Bett und den Milben, aber es ist nun mal so: Wir leben in unserem Körper mit Millionen von Mikroben zusammen. Unsere Umgebung ist voller Bakterien (allein in einem Küchenschwamm sind nach einer Woche 54 Milliarden pro Kubikzentimeter) und Pilze und würden wir noch denken wie in den Siebzigern, dann könnten wir ohne Desinfektionsspray keinen Schritt machen. Doch erfreulicherweise ist inzwischen klar, dass diese vielen kleinen Wesen um uns herum uns in der Regel nichts Böses wollen. Im Gegenteil, viele von ihnen sorgen dafür, dass es uns gutgeht – wie zum Beispiel all die Darmbakterien, deren Auswirkungen man erst so langsam auf die Schliche kommt. Oder auch die Bakterien, die beim Küssen übertragen werden: Es sind Millionen.

Dieses Buch ist zum einen schlimmer als jeder Thriller – man kann nie mehr ins Fitnessstudio gehen, ohne es überall wimmeln zu sehen – zum anderen aber merkt man schnell, dass hier Menschen schreiben, die den Mikrokosmos im Makrokosmos zu schätzen wissen. Die wissen, dass die chemische Keule zwar zunächst Bakterien, Viren und anderes Getier tötet, aber uns damit auch schadet. Von Antibiotika wussten wir das schon, bei Putzmitteln war uns das bisher nicht bewusst. Das heißt jetzt nicht, dass man nach der Lektüre dieses Buches nie mehr putzt, das heißt aber, dass man sich Gedanken darüber macht, ob man Hygiene in Zukunft nicht völlig anders definieren sollte. „Und zwar als Wissenschaft und Lehre vom aktiven Mikroben-Management – und nicht nur als das Abtöten von Keimen zur Vermeidung von Krankheiten.“

Britta Sabbag/Elli Bruder: Prinzessin Zuckerpups

Na da ist es wieder, eines dieser Pupsbücher der Saison. Leider – und das muss man gleich mal vorweg sagen – eines der weniger guten Exemplare. Denn diese Geschichte rund um eine Prinzessin, der man partout nicht sagen will, dass ihre königlichen Pupse nicht weniger stinken als die des Hofhunds, ist ein wenig seltsam. Bei einem Kinderbuch fragt man sich ja immer, was ist der Sinn dahinter? Was soll mein Kind mitnehmen, wenn es sich dieses Buch angesehen, es gelesen hat? Dass man auch zu kleinen Prinzessinnen ehrlich sein muss? Okay. Aber dass diese pupsen und furzen dürfen, was das Zeug hält, egal wo und wer dabei ist? Da kommen eher Zweifel auf. Auch die Sprache ist nicht gut gewählt. Sie ist sehr gestelzt und das merken die Kinder beim Vorlesen sofort. Schade. Denn wie wir bereits gesehen haben, gibt es selbst bei diesem Thema durchaus Bilderbuch-Highlights.

Robin Sloan: Der zauberhafte Sauerteig der Lois Clary

Lois Clary ist eine junge Frau, die als Computerspezialistin der Arbeit wegen in eine fremde Stadt gezogen ist und dort nun so fertig ist, dass ihr ein bisschen Nährstoffgel am Abend eigentlich reicht. An Kochen oder gar Sozialkontakte ist gar nicht zu denken, dazu ist sie viel zu überarbeitet. Bestellen allerdings geht doch und auf diesem Weg lernt sie die Besitzer eines „Restaurants“ kennen, das sich „Clement Street Suppe und Sauerteig“ nennt und das sie ab dato täglich mit unglaublich leckerem Essen beliefert. Als die beiden ihr Take-away aufgeben, hinterlassen sie Lois das Rezept für ihren köstlichen Sauerteig und mit diesem auch den Ansatz, ein Klumpen aus Mikroorganismen, die von da ab viel Pflege benötigen. Soviel Pflege, dass Lois ihren Job aufgibt und sich dem Verkauf von selbstgebackenem Brot widmet – mit interessantem Verlauf.

Ein bisschen mehr Spannung hätte dem Buch gut getan, denn der Ansatz dazu wäre auf jeden Fall vorhanden. Die Autorin schreibt schön, ein bisschen anders als andere, mit eigenem Stil, aber leider wartet man vergebens auf ein wirkliches Highlight. Wem Spannung nicht so wichtig ist wie eine gute Story, wer – zum Beispiel vor dem Einschlafen – gar nicht auf der Suche nach Thrill ist, für den oder die ist dieses Buch sicher geeignet. Denn eines ist es auf jeden Fall: Mal was anderes.

Prof. Dr. Ulrich Dirnagl/Dr. Jochen Müller: Ich glaub, mich trifft der Schlag

Wir alle haben eines, wir alle gehen davon aus, dass es megawichtig ist, aber was wirklich in unserem Gehirn passiert, welche Zusammenhänge es zum Beispiel zur Bakterienwelt des Darms gibt und was genau passiert, wenn es zu neurologischen Störungen wie einer Migräne kommt – das weiß man bisher nur in Ansätzen. Und diesen Ansätzen bleibt nichts anderes übrig als sich das Gehirn anzusehen, wenn es etwas nicht funktioniert, um dann darauf zu schließen was ist, wenn es funktioniert. Diese Zusammenhänge versuchen die beiden Autoren, beides angesehene Wissenschaftler, in einer für (fast) jeden verständlichen Sprache zu erklären. Klar, es geht nicht ohne das ein oder andere Fremdwort – schon allein, weil es für viele Begriffe aus der Hirnforschung gar kein einfacheres Äquivalent gibt, aber das lösen die Autoren durch ein ausführliches Glossar, in dem man nachlesen kann, was ein Astrozyt ist, welche Rolle die Cyclooxygenase spielt und dass ein Tau in diesem Zusammenhang kein Seil ist, sondern ein Protein.

Das Buch ist gut gegliedert und durchaus auch dazu geeignet, nur einzelne Aspekte nachzulesen. Schlaganfall, Migräne, Epilepsie, Multiple Sklerose sowie Parkinson, Demenz und Alzheimer sind einzelne Kapitel gewidmet, in denen man den neuesten Stand der Wissenschaft in verständlichen Sätzen erfährt. Aufgebaut ein bisschen wie ein Science Slam mit Kommentaren und Nachfragen. Man könnte ankreiden, dass die beiden Autoren manchmal ein bisschen sehr in die vereinfachte Trickkiste greifen, um die komplizierten Vorgänge im Gehirn verständlich zu machen, aber wer sich schon einmal tiefer mit der Materie beschäftigt hat, weiß, dass das Erklären dessen, was da vor sich geht, oft nur auf diese Weise wirklich gut funktioniert. Und warum nicht? Wenn das, was gesagt wird, trotzdem Hand und Fuß hat.

Prof. Dr. Dirnagl ist Neurowissenschaftler, Schlaganfallexperte und arbeitet an der Charité in Berlin. Dr. Jochen Müller ist Neurobiologe und vor allem durch Science Slam bekannt.

Albrecht Vorster: Warum wir schlafen

Wenn man die eine oder andere Frage zum Thema Schlaf beantwortet haben möchte und sich wissenschaftlich gesehen gerne an der Oberfläche bewegt, dann eignet sich dieses Buch perfekt. Man kann einfach nachschlagen. Egal, ob es darum geht, ob und wenn ja wie man einen Schlafwandler wecken kann, soll oder muss oder ob man wissen möchte, was unser Gehirn in welcher Schlafphase „aufräumt“, hier finden sich die Antworten. Gut gegliedert, nicht zu kompliziert und auch auch nicht zu lang und doch ausführlich genug, um mit seinem neu gewonnenen Wissen auch mal hausieren gehen zu können. Mit außergewöhnlichen Experimenten – wer feiert schon mit Schnecken die Nacht durch? -, partytauglichen Anektdoten und vielen Beispielen aus unser aller Schlafalltag lockert der Autor, ein Biologe, Philosoph und Science-Slam-Gewinner, das gesamte Schlafwissen auf und verhindert so, dass wir über seinem Buch einschlafen. Obwohl das doch fast besser wäre, denn laut Albrecht Vorster wacht, wer schläft, hinterher klüger auf als vorher.

Elke Satzger/Jann Wiennekamp: Lotti kann nicht pupsen

Es scheint ja daaas Thema schlechthin in diesem Sommer zu sein, denn kaum ein Kinderbuchverlag beschäftigt sich nicht in einem seiner neuen Exemplare mit dem Thema Flatulenzen. Aber man muss sagen, Annette Betz hat die beste Auswahl getroffen. Dieses Bilderbuch im Giraffenformat hat eine urkomische Geschichte: Lotti, die Giraffe hat ein Problem, irgendetwas kribbelt, kratzt und zwickt in ihr drin. Ihre Freunde versuchen ihr zu helfen und die Schlange Spirellina schaut mal nach, was da so los ist: „Du hassst eine Fliege verschluckt. Ich kann sssie aber nicht sehen. Wahrscheinlich issst die in deinem Bauch oder schon bei deinem Popo!“, stellt sie fest. Aber daaaa kriecht sie auf keinen Fall hin, das steht schon mal fest. Also muss es anders gehen. Der Affe Paule ist nicht ganz so empfindlich und schaut mal von außen nach. Und was entdeckt er: eine im Po feststeckende Fliege. Da hilft nur eines: kräftig pupsen. Aber wer kann das schon auf Kommando? Sie versuchen alle alles, bis es dann …. aber nein, das wollen wir hier nicht erzählen …

Die Zeichnungen einfach, aber ansprechend, das Thema gerade für Jungs bis ins Grundschulalter mindestens zum Piepen komisch und die Umsetzung einfach toll. Ein sehr schönes Bilderbuch!

Natur – Entdecken * Verstehen * Mitmachen

Der Titel verrät es eigentlich schon: Dieses Buch hat tausend Seiten. Zwar nicht im wahrsten Sinne des Wortes, da sind es „nur“ 64, aber die haben es in sich. Das Buch, das einen erstaunlich festen Einband hat und auch mal was aushält, lädt ein zum Experimentieren, zum Entspannen und vor allem zum Stöbern. Wissenswertes ist immer wieder eingestreut, gerade in der Menge, dass auch Lesemuffel hängen bleiben können. Die Sätze sind nicht schwer und sprechen selbst Legastheniker an. Die Zeichnungen sind naturgetreu und trotzdem phantasievoll und die Machart – wenn auch zunächst etwas verwirrend vom Aufbau her – ist extrem kindgerecht. Wobei sicher der ein oder andere Erwachsene ebenfalls daran hängenbleiben dürfte.