Frauke Nahrgang: Roboter Sam – der beste Freund der Welt

“Ich heiße Sam. Bei Jakob klingt das wie Säm.“ So stellt sich die Smart Action Machine vor – der kleine Roboter, den Jakob und sein Vater Justus erfunden haben. Und erzählt, wie es war, als er zum ersten Mal ein Bewusstsein verspürte, wieso er den kleinen Erfindersohn gerne hat und was mit seinen Vorgängern passiert ist. Jakob und Sam werden echte Freunde, erleben viel zusammen und kämpfen gemeinsam gegen den fiesen Dr. Zimperling. Bei dem Sams Gefühlsscanner gleich darauf hingedeutet hat, dass etwas nicht stimmt.

Ein Buch wie dieses ist optimal für etwas geübtere Erstleser, die bereits mit direkter und indirekter Rede umgehen können. Man merkt, dass hier eine Grundschullehrerin zugange war. Frauke Nahrgang kennt die Zielgruppe und deren Bedürfnisse. Die Sätze sind kurz und in relativ einfachen Worten gehalten, die Kapitel überschaubar, die Schrift groß genug, um schnell das Gefühl von Leseerfolg zu vermitteln. Die zahlreichen bunten Illustrationen, gezeichnet von Markus Spang, laden zum optischen Verweilen ein und sind so gemacht, dass der kleine Leser sich bei ihrem Betrachten innerlich noch einmal mit der gerade gelesenen Szene auseinandersetzen kann. Einziges Manko: ein bisschen mehr Spannung hätte das Thema schon hergegeben.
3.0 Stars (3,0 / 5)

Teri Terry: Mind Games

Eine Dystopie ist im Prinzip so etwas wie eine Anti-Utopie. Malt diese die Zukunft rosig, so wollen die Autoren einer Dystopie in der Regel auf heutige Missstände hinweisen, deren Folgen in der Zukunft äußerst negativ sein könnten. Teri Terry, bekannt geworden durch ihre „Gelöscht“-Trilogie, trifft bei Mind Games mal wieder den Nagel auf den Kopf. Verfeinert sie doch das auf der Kölner Gamescom ganz klar sich herauskristallisierende Spiel mit der Illusion. In Lunas Welt lässt sich kaum noch auseinanderhalten, was real ist und was virtuell. Denn im Gegensatz zu heute, wo man noch mit klobigen Brillen arbeiten muss, um Illusion zu erzeugen, wird die Zukunft mit einem eingebauten System arbeiten – vermutet Terry. Luna allerdings ist einer der wenigen Verweigerer. Ihre Mutter kam in einem Videospiel ums Leben und die gesellschaftlichen Nachteile, die Luna durch die Verweigerung hat, nimmt sie billigend in Kauf. Nicht zuletzt deswegen, weil sich die virtuellen Räume bei ihr sowieso ein bisschen anders verhalten als bei anderen. Umso verwunderter ist das Mädchen, als es von dem alles beherrschenden Unternehmen PareCo zum begehrten Einstufungstest eingeladen wird. Was steckt dahinter, welche Ziele verfolgt die Firma und warum kehrt niemand von PareCos begehrtestem Arbeitsplatz, einer einsamen Insel, zurück? Als Luna Gecko kennenlernt, lüften sich die Geheimnisse.

Dieses Buch hat absolute fünf Sterne verdient. Es ist super geschrieben, hat eine Geschichte mit Biss und einer Menge Phantasie und es ist spannend, ohne unangenehme Gänsehaut zu erzeugen. Und zwar bis zum letzten Buchstaben. Für Dystopieliebhaber ein Muss, für alle anderen eine echte Empfehlung. Vor allem für Jugendliche, denn das Buch bietet Denkansätze, ohne zu verteufeln.
5.0 Stars (5,0 / 5)

M.R. Carey: Die Berufene

Das Szenario ist düster: England in nicht allzu ferner Zukunft, befallen von einem grauenvollen Parasit. Nur wenige sind noch gesund, alle Infizierten bereits zu blutrünstigen Monstern mutiert. Der Parasit zerstört die Gehirne und verwandelt die Betroffenen in Hungernde- in Menschenfresser. Bis auf eine Schar von Kindern, die auf eine irgendeine Weise resistent zu sein scheinen. Die zwar befallen sind, sich aber anders verhalten. Man hat sie eingefangen und hält sie nun auf einer entlegenen Militärbasis fest – zu wissenschaftlichen Zwecken. Man will herausfinden, was bei ihnen anders ist als bei anderen.
Die zehnjährige Melanie ist eines dieser Kinder. Von früh bis spät gefesselt, werden sie wie Versuchskaninchen untersucht. Statt Körperhygiene werden sie einmal wöchentlich in den Duschraum geschoben und mit Chemikalien besprüht. Essen dürfen sie nur Maden. Und davon nicht reichlich. Und regelmäßig verschwindet eins der Kinder.

Als Melanie seziert werden soll, wird die Militärbasis überfallen. Das Mädchen kann flüchten, gemeinsam mit einer Wissenschaftlerin, der einzigen Lehrerin mit Herz und zwei Segeants. Die kleine Gruppe kämpft sich durchs Land, auf der Suche nach den Nichtinfizierten. Wobei sich Melanie so manches Mal als menschlicher erweist als ihre nichtinfizierten Mitreisenden.

Das Buch ist zu einem großen Teil spannend, an manchen Stellen aber zieht es sich ein bisschen. Und teilweise ist es auch ziemlich heftig. Die Charaktere sind, die Gruppe der Schrottwühler ausgenommen, gut ausgearbeitet. Melanie allerdings schwankt sehr zwischen Kind und Erwachsenem – vielleicht tatsächlich ein Persönlichkeitsmerkmal eines Infizierten. Besonders ausgefallen aber ist das Ende. Über das an dieser Stelle aber natürlich nichts verraten wird. Eine Zombiegeschichte mit echtem Endzeitcharakter.
Der Autor Mike Carey ist übrigens ziemlich erfolgreich in der britischen Fantasy- und Comicwelt. Und nicht nur das, man kennt ihn auch in Hollywood als Drehbuchautor.
2.8 Stars (2,8 / 5)

Dave Eggers: Der Circle

Mae Holland macht eine Wahnsinnskarriere bei „The Circle“, einem Konglomerat von Google, Facebook, Twitter, Youtube und Apple, geführt von den Drei Weisen. Immer unter dem Gutmensch-Motto schleicht sich das Social-Media-Unternehmen, das über ziemlich radikale Ansichten hinsichtlich der Selbstbestimmung verfügt, in die Leben seiner Mitarbeiter und auch in die, die versuchen, dem zu entkommen. Monopolisierung, Datenspeicherung, Überwachung – die totale Kontrolle, immer unter dem Deckmantel der Wohltätigkeit, des Schutzes und des Praktischen. Mae gefällt das. Ihr Blickwinkel ist der einer nach Anerkennung strebenden jungen Frau mit Karrierewunsch. Die Vorzeigemitarbeiterin ist gern bereit ist, ihr Leben dem Unternehmen zu widmen und den Campus so gut wie gar nicht mehr zu verlassen. Sie wird transparent. Der einzige, der Mae immer wieder aus dem Konzept bringt, ist ein junger Mann, der nicht nur in unregelmäßigen Abständen aus dem Nichts aufzutauchen scheint und sie sexuell anzieht, sondern der sie auch immer wieder warnt. Warnungen, die Mae ignoriert, bestenfalls für Prüfungen hält, genau wie sie auch über die Bedenken ihrer Freunde und Familie fast herzlos hinweggeht.

Zu sehr ist sie fasziniert von dieser Welt, die ihr alles bietet, was sie zu brauchen glaubt. Gratisessen, zubereitet von den besten Köchen, ein immer perfekt aufgeräumtes Wohnheimzimmer mit stets nach ihren Wünschen gefülltem Kühlschrank, Gratisveranstaltungen en masse und vermeintliche Freunde, die mit ihr auf einer Linie liegen und ihr Likes ohne Ende spendieren. Dave Eggers, einer der bedeutendsten Autoren unserer Zeit, zeichnet in The Circle ein Bild von Neuzeiterrungenschaften, die einzeln und scheinbar unauffällig in unserem Leben bereits Einzug gehalten haben, die ganz unauffällig beginnen, unser Leben zu kontrollieren. Was einem, liest oder hört man dieses Buch, erst einmal wieder so richtig bewusst wird. Wer 1984 gelesen und verstanden hat, weiß, dass der Circle die Fortsetzung ist. Eine Dystopie vom Feinsten. Obwohl…: Von pessimistischem Zukunftsbild kann kaum mehr die Rede sein, sind wir an dieser Form von Zukunft doch deutlich näher dran als manch einem von uns lieb sein dürfte.

Es gibt Stimmen, Dave Eggers sei ein Internethasser. Vielleicht ist er aber doch eher einer, der uns bewusst machen will, wie sehr die Technologiebranche sich die Naivität der Gesellschaft zunutze macht. Und welche Gefahr von falscher Social Media Nutzung ausgehen kann. Vor allem für die, die mit dem Netz aufgewachsen sind. Ein Buch also nicht nur für die Generation Y und darüber, sondern vor allem auch eine Warnung für die Digital Natives.
Die Geschichte, gelesen von Torben Kessler lässt einen jeden Stau in Minutenschnelle vergessen.
5.0 Stars (5,0 / 5)

Katherine Applegate: Eve & Adam

Adam ist perfekt. Schöner kann ein Mann nicht sein. Kein Wunder, Adam war nur als Zeitvertreib gedacht, wurde am Computer erstellt und dann zum Leben erweckt. Seine Schöpferin: die selbst genveränderte siebzehnjährige Eve, deren Mutter ihre Finger in diversen dubiosen Machenschaften zu haben scheint.

Eve verbringt ihre Zeit in der Privatklinik ihrer Mutter, angeblich, um sich von einem schweren Unfall zu regenerieren. Die Tatsache, dass sie das gar nicht nötig hat, fällt ihr erst auf, als Solo, der einzige Junge in dem ganzen Unternehmen, sie mit der Nase darauf stößt. Solos Rolle in dem ganzen Spiel erschließt sich Eve nicht recht. Die Faszination, die von dem kernigen jungen Mann ausgeht, allerdings schon. Das Vertrauen zwischen den beiden wächst und eines Tages zeigt Solo ihr etwas, dass das junge Mädchen komplett in Zerrissenheit stürzt.
Dieses Buch hat eine Menge Nebenstränge, die alle mal mehr, mal weniger gut mit der Hauptgeschichte verbunden sind. Da ist auf der einen Seite Aislin, Eves Freundin und deren Mutter ein wahrer Dorn im Auge, dann Aislins Freund, der sich als Dealer eher weniger eine goldene als mehr eine blaue Nase verdient, da sind seltsame Wissenschaftler, große Erkenntnisse und kleine Leute, die Großes verheimlichen. Und da ist dann Adam, dem Eve kaum widerstehen kann. Aber muss sie das? Und kann man überhaupt eine Beziehung eingehen zu einem Wesen, das man selbst geschaffen hat. Wo ist die Grenze – nicht nur ethisch und moralisch, sondern auch rein menschlich?

Katherine Applegate muss sich, so heißt es auf dem Klappentext des optisch extrem gut gelungenen Buches, ihren Traummann nicht erst entwerfen. Sie hat ihn schon gefunden. Gemeinsam mit dem Actionautor Michael Grant hat sie mit ‚Eve & Adam‘ ihren ersten gemeinsamen Jugendroman verfasst. Wobei beiden ein Buch gelungen ist, das gerade Mädchen in der Pubertät sehr in seinen Bann zieht. Liest man das Buch allerdings mit etwas mehr Abstand zum Hormonchaos, dann fehlt einem das Vertiefen einiger Themen. Manche Handlungsstränge hätte man weglassen, andere dafür deutlich ausbauen können. Trotz allem: eine der wohl besten Dystopien der letzten Zeit. 4.4 Stars (4,4 / 5)

Teri Terry: Gelöscht

Kyla wurde geslated. Ausgelöscht und neu erfunden. Wie man es im Jahr 2054 in England mit allen Jugendlichen macht, die irgendetwas Schreckliches verbrochen haben –meist im Zusammenhang mit dem Terrorismus – und froh sein können, auf diese Weise von der Gesellschaft in der sie leben und von ihren Adoptiveltern eine neue Chance zu bekommen. Doch Kyla muss ein besonders heftiges Exemplar gewesen sein, denn ihre Persönlichkeit scheint sich der Prozedur vehement zu widersetzen. Es dauert bei ihr deutlich länger als bei anderen, bis man sie in die Welt „entlässt“ und selbst dann wird sie immer wieder eingeholt von Erinnerungsfetzen und Träumen, die für sie keinen Sinn ergeben. Sie aber massiv erschrecken. Doch dann findet Kyla, die sechzehnjährige Angeblich-Terroristin heraus, dass sie eigentlich Lucy Connor heißt und bereits mit zehn Jahren vermisst gemeldet wurde. „Das können sie nicht machen, das ist illegal. Wie kann die Regierung ihre eigenen Gesetze brechen?“ fragt nicht nur sie sich, das fragt sich auch ihr Freund Ben, ebenfalls geslated. Und wenn dieser Verdacht stimmt, was hat das zu bedeuten? Die Fragen spitzen sich zu, die Ereignisse auch. Bis Ben es nicht mehr aushält und auf seine Weise gegen die Zustände in der Gesellschaft von morgen ankämpft.

Der Guardian nannte dieses Buch eines der besten Bücher des Jahres und er liegt definitiv nicht verkehrt. Innerhalb kürzester Zeit hat sich der erste Band dieser Trilogie in einen Bestseller verwandelt, übersetzt bereits jetzt in neun Sprachen. Dystopien scheinen den Nerv der Zeit zu treffen und „Gelöscht“ ist eine derjenigen, die nicht nur über eine gute Story, sondern auch über eine ganz wunderbare Sprache verfügen. Dank der Autorin Teri Terry, einer Weltenbummlerin, die von sich selbst sagt, dass sie aufgrund ihrer häufigen Umzüge immer wieder in eine Beobachterrolle gezwungen wurde, sich seitdem besonders für Menschen interessiert, die in eine fremde Umgebung kommen und sich dort eingliedern müssen. Dass der Terrorismus ihr Thema ist, verwundert nicht. Erstens aufgrund seiner Aktualität, zweitens aber auch, weil sie gerade dabei ist, eine Masterarbeit zu verfassen über die Darstellung des Terrorismus in Romanen für Jugendliche.
4.8 Stars (4,8 / 5)

Hugh Howey: Silo

144 Stockwerke, eine Stadt tief hinein gebohrt in die Erde, seit Generationen leben die Menschen hier in einem Silo. Unten Mechanik, in der Mitte Versorgung, oben Behörde. Und das Fenster nach außen in die verseuchte Umwelt, inklusive dem Blick auf Leichen in Raumanzügen. Es handelt sich um die Menschen, die zur ‚Reinigung‘ hinausgeschickt wurden in die feindliche Welt – weil sie das System angezweifelt haben. So wie Juliette, die ziemlich plötzlich und ein bisschen gegen den eigenen Willen zum Sherriff befördert wird und im Chef der IT, Bernard, einen Feind vom Feinsten findet. Doch Juliette hat eine Menge Freunde, echte Freude, die versuchen, ihren ‚Abgang‘ würdevoller zu gestalten. Und damit eine Lawine von Ereignissen auslösen…

Wer hat die Silos gebaut, welche Idee steckt dahinter und wie kam es in der Vergangenheit immer wieder zu Aufständen? Man möchte mehr erzählen, erklären, welche Rolle das richtige Klebeband spielt, wieso grüne Wiese in Pixel umgerechnet wurde, warum plötzlich andere Silos ins Spiel kommen und wer Lukas und Solo sind. Würde man das allerdings tun, dann wäre genau das dahin, was dieses Buch ausmacht: seine vielen kleinen Spannungsbögen, die sich gekonnt zu einem großen verbinden.

Eine Dystopie vom Feinsten – erzählt aus der Sicht mehrerer Hauptpersonen. Verstörend und faszinierend zugleich.
‚Silo‘ wurde ursprünglich in Form von fünf E-Books verkauft, bevor man sich dazu entschloss, es zu drucken. Das Hörbuch ist zwar eine gekürzte Fassung, aber eine weitere Steigerung, die erreicht wird durch die Stimme Peter Bieringers, einem der letzten großen Erzähler unserer Zeit.
5.0 Stars (5,0 / 5)

Mirjam Mous: Boy 7

Theoretisch könnte es jedem von uns passieren, dass er eines Tages irgendwo aufwacht, unter Gedächtnisverlust leidet und schnell zu der Erkenntnis kommt: Vertraue niemandem. Nicht einmal dir selbst. Keine schöne Vorstellung.

‚Was auch passiert – ruf auf keinen Fall die Polizei an!‘ – diese Nachricht , mit seiner eigenen Stimme gesprochen, findet Sam Waters auf einem Handy, das er bei sich trägt. Er kann sich an nichts erinnern. Nicht, wie er in die kahle Grasebene kommt, in der er wieder zu sich kam, nicht, wer er ist und woher er kommt. Lediglich der Rucksack, den er in der Nähe findet, scheint einige Indizien zu enthalten. Unter anderem einen Flyer einer Pizzeria, das Foto eines seltsamen Gebäudes und einen kleinen Schlüssel.

Das Mädchen, das Sam aufsammelt und zu einer kleinen Pension mitnimmt, scheint hilfsbereit und nett. Vertrauenswürdig. Doch auch wenn sich Boy Seven, so nennt sich Sam, weil es so in seiner Kleidung steht, nach wie vor an nicht erinnern kann, so kommt er doch Stück für Stück hinter das Geheimnis. Hinter seines und hinter Laras: Der Junge wurde zu Versuchszwecken festgehalten, genau wie andere auch. Ihnen wurde ein Chip hinter das Ohr gepflanzt, mit dem sie komplett steuerbar waren. Es war jederzeit möglich, Teile ihres Gehirns oder auch den gesamten Inhalt zu löschen. Perfekte Voraussetzungen für Verbrechen…

Diese Mischung aus Thriller und Dystopie, gedacht für Jugendliche, nimmt auch ältere Semester komplett in seinen Bann. Die Autorin Mirjam Mous hat sich eine Szenerie ausgedacht, die so abgefahren ist, dass sie wahr sein könnte. Mit Boy 7 ist ihr ein Buch gelungen, das definitiv das Zeug zum Verfilmen hätte.
4.4 Stars (4,4 / 5)

Lissa Price: Starters

Ausrottung und Aussterben sind genauso Thema der meisten Zukunftsvisionen in Romanform wie ungleiche Verteilung, Angst und Elend bei den Übriggebliebenen. Lissa Price allerdings kam mit der gleichen Basis auf eine ganz neue Idee.
Sind es in Stephenie Meyers Science Fiction mit dem Titel „Seelen“ Außerirdische, die die Körper der Menschen übernehmen, so werden sie in ‚Starters‘ von Alten ersetzt. Sporen haben dafür gesorgt, dass Menschen zwischen zwanzig und vierzig von der Bildfläche verschwunden sind. Überlebt haben vor allem die schwachen Mitglieder der Gesellschaft. Diejenigen, die zuerst geimpft wurden. Inzwischen gibt es fast nur noch Teenager, wenige Kinder und eine ganze Menge Alter. Die locker bis zu 200 Jahre alt werden können. Die sogenannten ‚Enders‘ fühlen sich zwar nicht so, sehen aber entsprechend aus. Mit all den Zipperlein, die so dazugehören. Wen wundert es da, dass sie sich nichts sehnlicher wünschen als einen jungen Körper für ihr erfahrenes Bewusstsein.

Und hier kommen die ‚Starters‘ ins Spiel. In Ermangelung von Bezugspersonen leben viele von ihnen auf der Straße. Immer auf der Flucht vor den Häschern, die sie, wenn sie sie erwischen, bis zu ihrem 18. Lebensjahr in Heime stecken, die mehr lieblosen Kasernen denn einem Zuhause gleichen. Hier beginnt die Geschichte von Callie. Das junge Mädchen, das sich hingebungsvoll um seinen kleinen Bruder kümmert, ist verzweifelt. Tyler ist lungenkrank und braucht teure Medikamente und er braucht dringend ein warmes Dach über dem Kopf. Um ihm dies zu bieten, wählt sie den Weg zur Body Bank. Das Unternehmen Prime Destinations bietet eine Menge Geld für einen zu mietenden jungen Körper. Versehen mit einem im Gehirn implantierten Neurochip kann das Bewusstsein eines alten Menschen, eines Enders, den Körper übernehmen. Sex ist nicht erlaubt, gefährliche Sportarten auch nicht und nach ein paar Tagen, vielleicht einem Monat ist der Spuk vorbei. Die Sechzehnjährige lässt sich trotz aller Zweifel auf den Deal ein, wacht aber dummerweise zu früh auf und findet sich wieder im Leben einer reichen alten Frau, die sich zur Aufgabe gemacht hat, ihre verschwundene Enkelin zu suchen und dabei den Kampf gegen Prime Destinations aufnehmen will. Zwei Seelen wohnen nun in dieser Brust und nachdem sich die beiden zunächst bekämpfen, gehen sie später eine Allianz ein.

Lissa Price hat mit diesem futuristischen Thriller ein ganz beachtliches Debüt abgelegt, das – vor allem in der Hörbuchfassung gelesen von der Synchronstimme des jungen Vampirlieblings Bella – ziemlich unter die Haut geht. Abgesehen von ein paar wenigen, überschaubaren Nebenschauplätzen konzentriert sich die Autorin auf den eigentlichen Plot und hält den Leser so bei der Stange.
Das Ende allerdings kommt zu abrupt und lässt dabei doch auch der Phantasie zu wenig Spielraum. Was dazu führt, dass der Roman so eigentlich nicht für sich selbst stehen kann. Welch ein Glück für die Leser und Hörer, dass Lissa Price bereits an einer Fortsetzung arbeitet. Mit dem wenig erstaunlichen Titel „Enders“.
Lissa Price: Starters, erschienen als Hörbuch bei Osterwold im März 2012, gelesen von Annina Braunmiller, der Preis für sechs CDs liegt bei rund zwanzig Euro.

Die Auswahl: Cassia und Ky von Ally Condie

Wenn die Zukunft Geschichten schreibt, dann kann es schon mal unheimlich werden: Faszinierend, dabei aber eher erschreckend ist Cassias Welt, irgendwo in der Zukunft. Hier ist alles duchorganisiert. ‘Utopia’ und Huxleys ‘Schöne neue Welt’ lassen grüßen.
Modernes Utopia
Man lernt nur, was für die eigenen Fähigkeiten wichtig ist, man isst nur, was für den Kalorienhaushalt und die Gesundheit des Körpers notwendig ist und man stirbt genau an dem Tag, an dem man 80 wird. Wie, das hinterfragt keiner. Genau wie alles andere in diesem Jugendroman nicht hinterfragt, sondern einfach hingenommen wird. Die “Gesellschaft” in “Die Auswahl – Cassia und Ky” hat dafür gesorgt, dass alles seine Richtigkeit hat und: Sie macht keine Fehler – davon wird man von klein auf überzeugt.
Und dann scheint die Gesellschaft doch einen Fehler zu machen. Auf Cassias Hochzeitsbankett, dem Tag, an dem die jungen Leute erfahren, wer ihr optimaler Partner ist, stellt sich heraus, dass ihr bester Freund der Mann ihres Lebens sein soll. Selten, aber nicht unmöglich. Doch als sie sich seinen Chip ansieht, auf dem alle wichtigen Daten gespeichert sind über ihren Zukünftigen, da erscheint plötzlich ganz kurz ein anderes Gesicht: Ky. Auch ihn kennt sie, doch er ist eigentlich gar nicht für die Partnerwahl vorgesehen. Der vermeintliche Systemfehler bringt Cassia aus dem Tritt. Sie verliebt sich in Ky und beginnt zu rebellieren. Und langsam aber sicher durchschaut sie die Gesellschaft und erkennt, worauf das Ganze zusteuert. Doch die Gesellschaft durchschaut Cassia noch nicht…
“Die Auswahl – Cassia und Ky”: als Hörbuch ein Hörgenuss
Was die Autorin mit ihrer Dystopie zu verfolgen scheint, ist wie bei allen Dystopien verängstigend, scheint aber zu klappen, denn man kommt nach der Lektüre kaum umhin, über Missstände in der Gegenwart nachzudenken.
Dieses Buch ist das, was man durchaus als “spannend” bezeichnen darf. Allerdings ist die von Ally Condie erzeugte Spannung so subtil, gleitet so langsam und vorsichtig ins eigene Bewusstsein, dass man hinterher froh ist, jederzeit die Wahl zu haben. Und man kann es kaum erwarten, Band 2 der geplanten Trilogie in die Finger zu bekommen – auf den wir hier in Deutschland allerdings noch eine Weile warten werden müssen. Ein Jugendroman genau auf seine Zielgruppe zugeschnitten ist: ein bisschen Romantik, eine gute Story – fern ab von der Girlie-Buchwelt, die sich immer mehr durchzusetzen scheint. Hier handelt es sich nämlich noch um eine richtige Geschichte.
In der Hörbuchform, die erfreulicherweise ungekürzt ist, zeigt sich endlich mal wieder das ganze Können von Josefine Preuß. So brillant wie hier hat sie lange nicht mehr vertont. Chapeau!
Die Auswahl – Cassia und Ky, erschienen in Hörbuchform bei argon hörbuch im April 2011. 370 Minuten Laufzeit, 5 CDs für rund 14,99 Euro.